Liebe Abonnentinnen und Abonnenten des IZRS Newsletters, Assalaamu 'Aleikum wa rahmatullahi wa barakaatuhu
Die Zustimmung des Aargauer Kantonsparlaments zum SD-Vorstoss für ein Verbot des islamischen Gesichtsschleiers, welches auf Bundesebene über das Instrument der Standesinitiative vorgeschlagen werden soll, sandte gerade mal sechs Monate nach Annahme der Anti-Minarett-Initiative eine zweite Schockwelle durch die islamische Gemeinschaft. Auch wenn oder gerade weil der Gesichtsschleier hierzulande praktisch nur von wohlhabenden Touristinnen aus dem Arabischen Golf getragen wird, besteht Grund zur Annahme, dass einmal angefangen mit islamophob motivierten Kleidervorschiften, weitere bald folgen dürften. Der Islamische Zentralrat Schweiz (IZRS) reagierte mit einer Aufklärungskampagne prompt. Es gelang ihm u.a. das weit verbreitete Vorurteil, wonach Frauen unter den Schleier gezwungen würden, als irrig, ja konstruiert ins Reich der leeren Behauptungen und orientalistischen Phantasien zu verweisen. Dabei soll es nicht bleiben. Zusammen mit Geschwisterorganisationen soll zukünftig vermehrt Frauen eine Bühne gegeben werden, um ihre Anliegen wie das Recht auf freie Entfaltung, eigene Kleiderwahl etc. ans Publikum zu bringen. Unter diesem Stern steht auch die laufende Vortragsserie der MFOS. Die aktuellen Termine und Flyer, können hier eingesehen werden.
„Das Paradies liegt unter den Füssen der Mütter“, sagte der Prophet Muhammad (sas) im Bezug auf ihre Stellung in der Gesellschaft. Damit ist aber auch eine grosse Verantwortung verknüpft, welcher wir uns tagtäglich bewusst sein müssen. Wir sollen unsere Kinder zu aktiven Muslimen erziehen, welche fähig sind die Ummah zu unterstützen und ihr als Vorbilder zu dienen. Die Grundlage, um diese Aufgabe erfüllen zu können, ist die Bildung. Sie ist das Fundament auf dem wir aufbauen können. Ist dieses stabil gebaut, bringen auch stärkere Winde das Gebäude nicht ins Wanken. Und gerade in diesen Tagen pfeifen uns doch recht bissige Böen um die Ohren.
Deshalb ist es umso wichtiger, dass die Mütter ihre Kinder unterstützen und ihnen aufzeigen, was mit dem neu Erlernten alles erreicht werden kann. Doch nur wenn wir selbst die Konzepte und Zusammenhänge verstanden haben, können wir das Wissen weiter vermitteln. Wir Eltern müssen selbst Vorbilder für ihre Kinder sein. Dies beinhaltet auch, dass wir selbst stets bemüht sind, uns neues Wissen anzueignen und dies auch aktiv in die Ummah einzubringen. Der Prophet Muhammad (sas) sagte: „Das Streben nach Wissen ist Pflicht für jeden Muslim.“ Ein Kind hat eine nie gestillte Neugier mit der es die Welt erforschen und verstehen möchte. Fördern wir diese im Alltag auf spielerische Art und Weise, wird sie ihnen auch im Erwachsenenalter noch erhalten bleiben.
Als Eltern werden wir oft vor die Wahl gestellt, uns zwischen religiöser und weltlicher Bildung zu entscheiden. Diese Entscheidung ist jedoch überflüssig, denn beide sind eng miteinander verbunden. Wenn wir unsere Kinder in ihrem Iman stärken wollen, können wir ihnen aufzeigen, wie Allah (t) alles in sich selbst aufgehend erschaffen hat, z.B. das Sonnensystem. Unsere Aufgabe ist unsere Kinder zu fördern, ihre Fragen zu beantworten, die Zusammenhänge aufzuzeigen und somit ein selbständiges Denken zu etablieren. Mit diesen Grundlagen können sie die Ummah unterstützen und zu Vorbildern für andere werden.
Newsletter 5/2010
Ewige Problematisierung des muslimischen Bekenntnisses zum Rechtsstaat
Von Abdel Azziz Qaasim Illi
Der Stereotyp ist älter als unser Rechtsstaat. Ein Querschnitt durch die Geschichte zeigt, dass er nicht primär auf Muslime angewandt wurde, sondern sich als immer wiederkehrender Topos im Umgang mit dem „Anderen“ manifestiert. Hugenotten, Juden, Romas und Muslime; sie alle kennen das Stigma der notorischen Gesetzesuntreue, die sich angeblich aus ihrer „Andersartigkeit“, der „Rassendifferenz“, oder den religiösen Schriften zweifelsohne herleiten lasse. Vor allem christlich-konservative Gegner der jüdischen Emanzipation erhoben die Behauptung, Juden würden die Rechtsordnung nur pro forma akzeptieren, in Wahrheit jedoch nach einer eigenen, „hebräischen Weltordnung“ trachten, zu ihrem Hauptargument gegen deren rechtliche Gleichstellung im 19. Jh. So sah u.a. auch die protestantische, Schweizerische Kirchen-Zeitung in der Ausgabe vom 7. Mai 1862 das Land in Gefahr, „verjüdelt“ zu werden, denn „die Juden passen geschichtlich, gesellschaftlich und politisch nicht zu den Schweizern. […] Die Schweiz ist geschichtlich ein Vaterland der Christen“. Ihre religiösen Schriften, allen voran der Talmud, würden einer gesellschaftlichen Integration im Wege stehen, ja diese verunmöglichen. So wurde immer wieder betont, dass der Eid eines Juden nutzlos sei, da für ihn nur die jüdische Schrift verbindlichen Charakter hätten.[1] Und überhaupt, so glaubte man, trachteten die Juden nur nach der Wiederkunft des Messias, der ein jüdisches Reich etablieren würde, welches dann mit der geltenden Verfassung nicht mehr vereinbar gewesen wäre.
Wer so argumentierte, ging a priori von der Annahme aus, dass sich die religiöse oder kulturelle Andersartigkeit auch in einem anderen System und unter differenten Vorgaben linear zum normativen Idealzustand oder zur offenbarten Apokalypse entwickeln würde. Er schloss offenbar die Möglichkeit einer systemtheoretischen Reinterpretation des Normativen zu Gunsten des Praktischen auch im Umfang der wirkenden Zwänge aus. Oder anders gesagt: Dass ein Jude genau wie ein Christ treuer Staatsbürgersein könnte, lag ausserhalb der diskursiven Realität. Verschärfend kommt hinzu, dass sich solche Autoren ernsthaft Sorgen um die Stabilität der eigenen Gesellschaftsordnung machten. Oder wie sonst soll eine verschwindend kleine Minderheit, wie es die Juden waren, die Gesellschaft „verjüdeln“? In einer Zeit, wo Sondergesetze, nun allerdings gegen Muslime, wieder salonfähig geworden sind, schlägt der Zürcher Kirchenrat vergleichbare Töne an. Nicht, dass es inhaltlich neu wäre, wenn man den Muslimen kollektiv eine Neigung zur Untreue gegenüber der Rechtsordnung unterstellt und das Muslim- und Schweizersein kategorisch auseinanderdividiert. Qualitativ neu ist, dass diese Haltung in einem zusehends beschleunigten Prozess von einst tabuisierten Stammtischweisheiten hinauf in die Salons der Meinungsmacher vorgerückt ist. Der besagte Kirchenrat, seinerseits nicht mehr als ein Interessensvertreter auf dem Markt des interreligiösen Dialogs, will sich nun diesem Druck beugen. «Ob diese gegenseitigen Ängste berechtigt sind oder nicht, ist nicht entscheidend.» Die Verunsicherung sei real und müsse darum ernst genommen werden. «Um aus dieser Situation der gegenseitigen Entfremdung herauszukommen, reichen gemeinsame Friedensgebete und gegenseitige Besuche nicht», monierte unlängst Philippe Dätwyler in der NZZ am Sonntag (30.5.2010). Die muslimischen Verbände hätten sich ausserdem «bis heute nicht eindeutig und bedingungslos für die Akzeptanz des schweizerischen Rechtssystems ausgesprochen», nörgelte der Zürcher Reformierte weiter. Die Kritik ist freilich fadenscheinig und in ihrer Natur tendenziös. Sie geht von eben dieser Annahme aus, dass sich Muslime, bis zum Erbringen eines (negativen) Gegenbeweises prinzipiell dem Verdacht aussetzen, die Rechtsordnung nicht zu respektieren. Auf dem gleichen Geleise bewegte sich der Zuger Nationalrat Gerhard Pfister (CVP), als er gegenüber Nicolas Blancho in der Arena das bewährte Prinzip des in dubio pro reo umdrehte, indem er vom IZRS-Präsidenten einen Beweis für dessen Treue gegenüber der Schweizer Rechtsordnung einforderte.
[1] Prominent über die Gültigkeit des jüdischen Eids wurde auf der eidgenössischen Grossratssitzung am 17.8.1798 diskutiert. Die Mehrheit der Räte sprach sich gegen dessen Zulassung aus. Der Entscheid wurde vertagt. Holger Böning, die Emanzipationsdebatte in der Helvetischen Republik, in: Aram Mattioli (Hg.), Antisemitismus in der Schweiz 1848-1960, Zürich 1998, S. 92f.
Von guten Muslime, bösen Muslime und gefährlichen «Konvertiten»
Von Oscar A.M. Bergamin
«Herr Bergamin, sind Sie nun ein liberaler Muslim oder ein konservativer Muslim», fragte kürzlich eine Journalistin. Nun, ich bete fünf Mal am Tag. Wenn ich also nur zwei Mal bete, dann bin ich liberal und wenn ich zehn Mal bete konservativ oder gar radikal? Nein, ich kann nur korrekt beten und das gilt für alle Muslime. Ist der Islamische Zentralrat Schweiz (IZRS) eine Gruppierung von Schweizer Konvertiten? Nein, das ist der Rat ganz klar nicht, auch wenn sich in den Medien immer öfter sogenannte «ausgewiesene Kenner der Materie», «Islam-Experten» oder Kolumnenschreiber und Sektenkenner zu Wort melden, die in «Essays» – also nicht mit Studien belegten Daten und Fakten – das Gegenteil behaupten. Der IZRS hat sich klar zur Schweizerischen Bundesverfassung und Rechtsordnung bekannt und seit seiner Gründung in keiner Weise auch nur irgendjemand oder irgendeine Organisation kritisiert oder sogar aufgefordert man müsse sich von diesem oder jenem distanzieren. Trotzdem verlangen Politiker aus allen Lagern von dem IZRS einen Tatbeweis dafür. Tatbeweis für was? Den Tatbeweis, dass ein Autolenker sich an die Strassenverkehrsordnung hält, kann er ja auch nur erbringen, wenn er im Strassenverkehr unterwegs ist. Oh, der IZRS würde frustrierte Jugendliche ansprechen und dies gelte es zu verhindern? Nun, ich habe selten so engagierte und zufriedene Muslime gesehen. Dies erklären «Sektenexperten» folglich durch die «gezielte Indoktrination». «Bei uns geht die Angst um, fundamentalistische Muslime würden den Religionsfrieden gefährden», schrieb der einzige Schweizer Sektenexperte in der «Tages-Anzeiger», um gleich weiter zu fahren: «Am Stammtisch wird bereits über die Gefahr von Anschlägen spekuliert». Wo? «Am Stammtisch», schrieb der «Experte», der übrigens nicht über ein Studium in dieser Richtung verfügt.
Was nicht passt» wird einfach passend gemacht
Um was geht’s letztendlich in der ganzen Diskussion? Es ist vor allem eine Debatte um die Deutungshoheit. Bestimmen zu können, was der Islam überhaupt oder ein «Islamist» im Speziellen sei oder sogar zu behaupten, dass jeder Muslim es sei, oder wer der «gute» und wer der «böse» Muslim ist, ist der Ausdruck einer starken gesellschaftlichen Machtposition. Auch wenn es weder Indizien zum «guten» oder «bösen» in die eine, noch in anderen Richtungen gibt, wird das «was nicht passt» von den sogenannten «Experten» einfach passend gemacht. Im öffentlichen Diskurs – und sicher seit der Verhaftung der sogenannten Sauerland-Gruppe in Deutschland vor einiger Zeit – finden sich immer wieder Aussagen, wonach neue Muslime, so genannte «Konvertiten», im Hinblick auf eine Neigung zu Terrorismus oder Extremismus besonders gefährdet seien und ihnen daher besondere sicherheitspolitische Aufmerksamkeit gewidmet werden müsse, wie dies kürzlich der Direktor eines Bundesamts in der NZZ am Sonntag machte, nachdem er vermutlich ein paar Zeilen des deutschen Kolumnisten Henryk M. Broder gelesen hatte. Auch wenn in letzter Zeit häufiger auch betont wird, dass diese «neuen» Muslime nicht unter Generalverdacht gestellt werden sollten - zusammen mit anderen Berichten, in denen sie als «Aussenseiter», mit psychischen Problemen behaftet oder einfach als «bizarre Gestalten» oder «Verräter» dargestellt werden, - entsteht aus verständlichen Gründen ein entsprechend unattraktives Bild von Menschen, die den Islam angenommen haben. Daher gehört der mediale Dauerbeschuss denjenigen Vertreter des Islam, die wohl in der Lage sind, den Angriffen zu trotzen. Gleichzeitig ist aber auch die allgemeine Flucht aus der Öffentlichkeit zu beobachten, die sich bei vielen Muslimen heute feststellen lässt und die man auch weniger romantisch als Folge einer Einschüchterung begreifen könnte. Wer kann es sich auch leisten, ein «Islamist» oder eine «Islamistin» zu sein, oder «Fundamentalist» oder «radikal»? Und unter diesem Druck springen sogar Muslime mit auf das Boot der Islamgegner, in dem sie sich der Terminologie der Islamgegner bedienen, und anfangen sich abzugrenzen; «Nur so können wir verhindern, dass sie diesen Rattenfängern auf den Leim kriechen», sagte kürzlich eine selbsternannte Islam-Kritikerin über den IZRS. Schafft sich so die Mehrheit mit ihren medialen Machtinstrumenten ihre religiös-neutrale Wunschgesellschaft?
Lesen Sie den ganzen Essay von Oscar A.M. Bergmin auf IZRS.ch.
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