Liebe Abonnentinnen und Abonnenten des IZRS Newsletters, Assalaamu 'Aleikum wa rahmatullahi wa barakaatuhu
Es ist wieder Ende Monat! Die Zeit vergeht schneller als im Flug - so zumindest unsere Wahrnehmung. Wir blicken zum ersten Mal seit unserer Gründungs PK Mitte Januar auf einen medial ruhigeren Monat zurück. Dies gibt uns Raum interne Pendenzen abzuarbeiten und neue Ideen in der nötigen Ruhe gedeihen zu lassen. Dem raschen Wachstum bei den Mitgliedern konnte nun endlich auch administrativ Rechnung getragen werden. Letzte Woche dürften Hunderte Neumitglieder nach langem Warten endlich ihre Anmeldebestätigung erhalten haben. Für die lange Wartezeit möchten wir uns herzlich entschuldigen. Per 1. Juli 2010 nimmt auch das Generalsekretariat seine Arbeit auf. Neu können Fragen betreffend Mitgliedschaft direkt an Herrn Cherni gerichtet werden.
Die Mitgliederbetreuung wird damit deutlich verbessert. Dies ist uns ein Anliegen, denn wir erheben nicht umsonst den Anspruch, die muslimische Basis zunehmend zu repräsentieren. Dies bedingt freilich, dass wir allen Muslimen zugänglich und in der Lage sind, Wünsche, Ängste und Missstände quasi autosensorisch in Erfahrung zu bringen. In diesem Sinne sollen Sie sich auch ruhig berufen fühlen, substantielle Kritik direkt an die zuständigen Departements-leitung zu richten. Wir sind Ihnen dafür stets dankbar.
Der Mord an Marwa el-Sherbini jährt sich / Ein Erlebnisbericht zum Zeltlager am Bielersee
Von Abdel A. Qaasim Illi
Morgen, 1. Juli 2010, exakt ein Jahr nach dem brutalen Mord an Schwester Marwa el-Sherbini in einem Dresdener Gerichtssaal wird in ihrem Andenken das erste Mahnmahl gegen Islamophobie in Deutschland enthüllt. Verterter des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD) werden der Zeremonie unter dem Patronat des Justizministers des Landes Sachsen, Jürgen Martens, beiwohnen. Der Islamische Zentralrat Schweiz (IZRS) solidarisiert sich mit den Betroffenen Geschwistern in der Bundesrepublik und drückt auch ein Jahr nach der grausamen Tat seine Betroffenheit aber auch Trauer darüber aus, dass es unter den Augen der Justiz, mitten in einem Gerichtssaal geschah, wo man wohl am wenigsten mit tätlichen Attacken rechen musste.
Lesen Sie den ganzen Artikel zum Gedenken an die Hijab-Märtyrerin --> hier.
Ein Bericht über das Zeltlager am Bielersee von F. U.
Ein regnerischer Morgen und trotzdem freute ich mich riesig auf das Zeltlager. Egal bei welchem Wetter, zusammen mit Schwester zu sein, ist immer schön, dachte ich mir noch am Morgen. Als ich jedoch am Zeltplatz ankam, war es nass, matschig und vor allem kalt. Dass sich die Schwestern gerade bemühten, ein Feuer zu entflammen, freute mich deshalb umso mehr. Die Begrüssung zwischen den Schwestern ist immer herzlich – egal ob man die eine bereits kennt oder nicht. Nachdem wir es endlich geschafft haben, dass es bei uns im Frauentrakt ein bisschen wärmer wurde, wollten wir nur noch an den See. Es wurde still. Wir waren fasziniert und genossen diesen wunderschönen Ausblick. Es war auch schön zu sehen, wie es den Kindern gefiel und wie sie sofort begannen, mit dem Wasser zu spielen. Eine Schwester und ich wollten natürlich sofort ein Boot, um auf dem See zu fahren. Nach meiner Vorstellung, sollte Rudern nicht besonders schwierig sein. Dies stellte sich schnell als einen gewaltigen Irrtum heraus. Es raubte mir eine Menge Kraft, wieder zurück ans Ufer zu gelangen. Nach dieser anstrengenden, jedoch lustigen Bootstour, mussten wir alle wieder Energie tanken und genossen das Abendessen. So verging die Zeit, bis es stockdunkel wurde und wir die Kerzen aus den Kisten holen mussten. Die Kinder hatten eine witzige Idee. Sie wollten Verstecken spielen. Zuerst waren wir skeptisch aber es stellte sich als ziemlich amüsant heraus, es im Dunkeln zu spielen. Wir machten uns alle fertig, um in unsere Schlafsäcke zu schlüpfen. Ich ahnte es bereits, dass es eine sehr kalte Nacht werden wird. Ich sollte nicht Unrecht haben, es war sehr kalt! Als wir dann zum Morgengebet aufstanden, mussten wir mit eiskaltem Wasser die rituelle Waschung vollziehen. Dieses Erlebnis werde ich nicht mehr so schnell vergessen.
Am Samstag durften die Kinder auf den Bauernhof. Wie man auf den Fotos auf der Homepage sehen kann, hatten sie reichlich Spass. Mit einem Lächeln, kamen sie auch wieder zurück und erzählten uns, wie toll es war, auf einem Pferd zu reiten. Wir Schwestern gingen dann zum Bogenschiessen. Viele Schwestern konnten sich nicht wirklich viel darunter vorstellen. Ich zeigte ihnen wie es geht. Eine nach der anderen war an der Reihe und eine nach der anderen fing an, daran Gefallen zu finden. So ergab sich später ein Turnier. Ich war überrascht, wie gut die älteren Schwestern waren, aber am meisten erstaunte mich eine zwölfjährige. Sie war so gut, dass fast jeder zweite Pfeil, mit voller Wucht in die Mitte traf. Die dunklen Wolken kamen über uns und es fing an zu regnen. Wir begaben uns zum Zelt zurück und sprachen über unsere Religion und über den Propheten Muhammed (s.a.s.). Wir machten einen Kreis und jede Schwester erzählte einen Hadith, welcher sie sehr berührte, als sie ihn las. Wir Schwestern konnten viel erzählen, viel lachen und vor allem viel Spass miteinander haben. So gingen alle nach Hause und ich wusste, egal bei welchem Wetter, mit Schwestern zusammen zu sein ist immer schön.
Newsletter 6/2010
Die Abschussliste des «Islam-Experten» Beat Stauffer
Die Medien haben eine gesellschaftliche Verantwortung als Sprachrohr für kulturelle Vielfalt und Meinungspluralität. Leider ist gerade die Berichterstattung über den Islam nicht frei von Manipulationen und oft tendenziös. Verschiedene Schreibsöldner versuchen sich auf Kosten der muslimischen Gemeinschaft zu profilieren. Eine Analyse an Hand eines Beispiels.
Von Oscar A.M. Bergamin
«Die Koordination Islamischer Organisationen Schweiz und ihr Präsident unter Kritik»hiess es als Untertitel auf NZZ-Online am vergangenen 17.Juni. Gemeint war Farhad Afshar, Präsident der Koordination Islamischer Organisationen Schweiz (KIOS), ein «schwach abgestützter Vertreter von Muslimen», so der kommentierende Titel des Autors.
Noch bevor ich den Namen des Autors gelesen hatte, dachte ich, «Ah, Beat Stauffer am Werk», und siehe da, tatsächlich hatte die NZZ wieder mal einen Meinungsartikel vom Schreibsöldner Stauffer Online geschaltet. Unter dem Spardruck bei den Medienhäusern wird gelegentlich mal unter dem Motto «rent a writer» nach einem relativ günstigen «Islamkenner» gesucht und dann offenbar auch schnell gefunden. Und bei den Online-Redaktionen geht man mit der redaktionellen Verantwortung etwas lockerer um, denn Unzulänglichkeiten kann man per Knopfdruck auch schnell wieder entfernen, was bei einer gedruckten Ausgabe schwierig ist. Die echte «Neue Zürcher Zeitung» aus Papier schreibt in den Fussnoten von Stauffers Recherchen und Meinungsartikel klar: «Der Autor ist freier Journalist mit Spezialgebiet Nordafrika. Er lebt in Basel.» Punkt.
Warum ich sofort wusste, dass da Beat Stauffer am Werk war? Ganz einfach, weil er immer das Gleiche schreibt und das auf höchst tendenziöse Art und Weise. Wenn man in der schweizerischen Mediendatenbank nach Artikeln von Beat Stauffer zum Thema Islam sucht, kann man die zusammenfassenden Indices erfassen und vergleichbar machen. «Vieles bleibt auch nach umfangreichen Recherchen seltsam verschwommen» ist so ein Lieblingssatz von Stauffer, der seit Jahren systematisch versucht KIOS-Präsident Afshar schwarz zu malen. «Die KIOS und Afshar» unter Kritik, steht da Online am 17. Juni im NZZ-Portal. Unter Kritik von wem? Nur unter Kritik von Stauffer, denn die Quellen dafür bleiben eben «seltsam verschwommen». «Kenner der Verhältnisse berichten…» ist so eine herbei gedichtete Quasi-Quelle, wie sie Stauffer gerne verwendet. «Angesichts des Umstands, dass KIOS-Präsident Afshar als einer von zwei Muslimen dem Rat der Religionen angehört und zudem regelmässig mit Behörden Kontakte pflegt, erscheint der Phantom-Charakter seiner Organisation problematisch», schreibt Stauffer. Nun muss man diesen Satz nicht zwei Mal lesen, um ihn zu verstehen, aber im Aktiv bekäme das Portemonnaie des Zeilenschinders Stauffer auf der Einnahmeseite Schrumpelfalten. Stauffer meint einfach: Afshar muss weg! Und warum? Weil Stauffer das schon vor fünf Jahren geschrieben hat und nicht weil es dafür irgendeinen aktuellen Anlass gibt. «Klar ist aber, dass dieser Mann (Afshar) keinesfalls im Sinn hat, den Islam mit der europäischen Moderne auszusöhnen und auf diese Weise einem offenen, an humanistischen Werten orientierten Islam zum Durchbruch zu verhelfen. Er vertritt vielmehr, wenn auch verklausuliert, klar fundamentalistische Positionen. Nur schon aus diesem Grund ist sein Einsitz im Rat der Religionen und in anderen nationalen Gremien nicht unproblematisch» schrieb Stauffer schon 2005 auf dem Basler News-Portal OnlineReports.ch (13. Februar 2005).
Lesen Sie den ganzen Artikel auf izrs.ch --> hier.
Wer setzt den Massstab?
Von Nicolas Blancho
Seit das Interesse an der Debatte um den Islam in der Öffentlichkeit seitens der Medien und der Politik vor allem nach dem 11.September 2001 massiv angestiegen ist, können heute nach Annahme der Minarett-Initiative sehr aggressive und normative Töne wahrgenommen werden. Noch vor der Initiative hätten sich wenige gewagt, so offen wie heute über ihr Problem mit dem Islam zu sprechen. Natürlich schlägt dies nicht in allen gesellschaftlichen Kreisen die gleiche Welle, wie die VOX –Analyse zeigt, dennoch ist die zunehmend schleichende Islamophobie ein Phänomen, welches heute deutlich feststellbar ist.
Der Fall Marwa el-Sherbini, der sich morgen zum ersten Mal jährt, ist ein deutlicher Hinweis auf die extremen Formen, die eine solche Islamophobie oder gar ein „Islamodium“ annehmen kann. Auch können vermehrt Übergriffe auf muslimische Frauen verzeichnet werden, wobei versucht wird auf offener Strasse oder im Supermarkt das Kopftuch abzureisen. Ebenso sind Fälle von offensichtlicher Fehlbehandlung von Muslimen durch Behörden, wie im Fall Fribourg, zu registrieren. Wer sich aber davon überzeugen will, wie Menschen in der hiesigen Gesellschaft über den Islam denken, kann die eklatanten Äusserungen von Lesern in den Foren der jeweiligen Zeitungen konsultieren, welche zum Teil die Grenze der Legalität deutlich überschreiten. Natürlich kann eingewendet werden, dass diese Kommentare nicht in den Foren „seriöser“ Zeitungen vorzufinden seien und daher davon auszugehen sei, dass sich ihre Autoren durch ein mehrheitlich tiefes Bildungsniveau von den Medienschaffenden mitreissen liessen. Genau dies war aber die Quintessenz der VOX-Analyse. Die Mehrheit der Befürworter des Minarettverbotes stammte aus den weniger gebildeten und nicht aus der akademischen Elite. Allerdings ist mit Ersteren zu rechnen. Die Mehrheit der Schweizer Stimmbürger dürfte ihnen zuzurechnen sein.
Eine Aussage jedoch kommt nicht nur in vielen dieser Foren immer wieder vor, sondern macht auch bei Politikern, Medienschaffenden, „Islam-Experten“ und damit selbst bei den Akademikern die Runde:
„Wir haben kein Problem mit den moderaten Muslimen bzw. einem moderaten Islam, den eine Mehrheit der hier lebenden Muslime scheinbar praktiziert. Doch wir haben ein Problem mit fundamentalistischen Muslimen, die sich hier nicht anpassen wollen und den Islam wortgetreu Auslegen.“
Obwohl diese Aussage ziemlich verständlich und simpel erscheint, wirft sie in Bezug auf die Realität einige Fragen auf. Was ist der moderate Islam und was ist ein moderater Muslim? Ist ein Muslim dann moderat, wenn er die religiösen Gebote mit dem Fuss tritt und hin und wieder ein Gläschen mit den Arbeitskollegen trinkt oder am Wochenende seinen Frust abtanzen geht? Ist ein Muslim moderat, weil er anscheinend besser integriert ist dadurch, dass er ohne Grenzen an allen hiesigen sozio-kulturellen Veranstaltungen teilnimmt und beim „Quartierfeschtli“ auch mal einen Cervelat geniesst? Ist ein Muslim dann moderat, wenn er nicht sehr viel Wert auf religiöse Pflichten legt und er weniger Umstände macht bei der Aushandlung von Kompromissen? Ist die Muslima dann moderat, wenn sie in der Gesellschaft nicht auffällt? Und was ist ein fundamentalistischer Islam?
Trägt das Wort automatisch eine pejorative Bedeutung und wird mit Gewalt und Terrorismus in Verbindung gebracht? Dann besteht anscheinend eine dringende Notwendigkeit, sich über das Adjektiv „fundamentalistisch“ zu informieren. Denn per definitionem wäre dann ein grosser Anteil der Muslime fundamentalistisch, da sich die meisten Muslime in Sachen Religion auf das Fundament berufen, nämlich den Qur’an und die Prophetentradition und den Konsens der Gelehrten, selbst wenn die jeweiligen Personen den Islam in ihrem täglichen Leben nicht konsequent applizieren. Die Islamdebatte suggeriert nämlich, dass gerade streng praktizierende Muslime mit Integrationsproblemen zu kämpfen hätten. Tatsächlich aber findet man die monierten Missstände eher bei „Kulturmuslimen“, die sich weniger auf die islamische Normativität, als vielmehr auf ihren ethnischen oder sozio-kulturellen Hintergrund berufen. Also ist die eben zitierte Aussage ziemlich paradox und wirft die essentielle Frage auf: Wer setzt den Massstab? Wer sagt wie und wann ein Muslim gut und gesellschaftstauglich ist und wann nicht?
Die heutige Debatte erweckt den Anschein, als würde man den Muslimen die Definition, was denn Islam in der Schweiz sei, nicht selbst überlassen wollen. Um die angestrebte amtliche Definitionshoheit zu sichern, unterhält man sich nur mit genehmen Gesprächspartnern, die ihrerseits bereit sind, sich exogenen Diktaten zu beugen.
Also eine neue Religion soll es sein, nicht al-Islam, sondern einen Islamicus Helveticus. Anstatt den demokratischen Grundsätzen und dem selbst auferlegten Gebot der staatlichen Religionsneutralität zu huldigen, sprich dem Islamischen im Rahmen der hiesigen Rechtsordnung den Raum zur Selbstentfaltung zu gewähren, versucht man anscheinend mit allen Mitteln, das Islamische so zu bearbeiten, dass es in einer einstigen „Monokultur“ nicht mehr auffällt. Ist dies die wahre Umsetzung einer pluralistischen Gesellschaft, ist dies das Recht zur freien Entfaltung, Religions- und Kultusfreiheit?
Anstatt der Islamdebatte einen pragmatischen Ton zu verleihen und nach sinnvollen Lösungen zu suchen, wird so getan, als wäre der Islam das einzige wirkliche Problem der Schweiz. Parteien profilieren sich mit anti-islamischen Haltungen in der Hoffnung Stimmen für die anstehenden eidgenössischen Wahlen im nächsten Frühling einzufangen. Vielen entgeht, dass hier eine künstliche Debatte aufgebaut wird, welche von den wirklichen politischen und wirtschaftlichen Problemen der Schweiz ablenkt und die Muslime und den Islam als Projektionsfläche für alle Missstände missbraucht.
Nun ja, wichtig ist und bleibt, dass für die Islamdebatte und die Zukunft des Islams in der Schweiz nur dann realistische und pragmatische Lösungen gefunden werden können, wenn bei der Setzung des Massstabes für die Entwicklung des Islams in der Schweiz; für die Ausbildung von Imamen, für die Bildung muslimischer Kinder etc. auch die so verteufelten fundamentalistischen Muslime, also die, welche sich auf das Fundament berufen, kreativen Einfluss nehmen können und ihnen Gehör geschenkt wird. Ansonsten werden die gesetzten Massstäbe höchstwahrscheinlich bald auf breite Ablehnung stossen und der Versuch den Islam in der Schweiz zu integrieren würde immer deutlicher als Hegemonialdiskurs gegenüber den Muslimen verstanden. Diese Kritik liess schon der Zentralrat der Muslime und der Islamrat (IGMG) in Deutschland gegenüber der DIK (Deutsche Islamkonferenz) verlauten und dies wiederum lässt nur weitere eigentlich unnötige Gräben zwischen den Muslimen und Andersgläubigen entstehen.
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Ewige Problematisierung des muslimischen Bekenntnisses zum Rechtsstaat