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Einleitung
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Liebe Abonnentinnen und Abonnenten des IZRS Newsletters, Assalaamu 'Aleikum wa rahmatullahi wa barakaatuhu 
Wir hoffen, dass Sie gut ins neue gregorianische Jahr gestartet sind. Der Islamische Zentralrat hat bis heute, Samstag bereits zwei Seminare in Zürich abgehalten. Letzten Samstag fand unter reger Beteiligung (28 Besucherinnen und Besucher) Teil I des Seminars «Islam und Medien», präsentiert von Oscar A.M. Bergamin, statt. Ziel ist es, den Teilnehmenden das nötige Rüstzeug im Umgang mit Medien zu vermitteln. Dabei geht es nicht nur um technisches Wissen rund um das Schreiben von Leserbriefen und Analysieren subtiler Islamophobie in Text und Ton, sondern auch um die Vermittlung einer vom IZRS stark forcierten Grundhalten, wonach Muslime die Medien nicht mehr länger als ihre Feinde betrachten sollen. Medien sind Träger des demokratischen Diskurses. Wer auch immer daran teilnimmt, kommt nicht um sie herum. Daher macht es keinen Sinn, wenn Muslime sich wie bislang weitestgehend üblich von den Medien abschotten und ihnen bestenfalls mit Furcht und Unsicherheit aus der Defensive heraus begegnen. Im Seminar wird gezeigt, wie es möglich ist, den Medien positiv als gesellschaftliche Realität zu begegnen.
Heute Abend ging zudem der erste Teil des theologischen Seminars «Schritte zur islamischen Familie» zu Ende. Das Seminar markiert eine eigentliche strukturelle Trendwende in der Vermittlung islamischer Lehrinhalte. Anstatt wie bisher üblich in Moscheen und meist ohne Unterlagen und ohne Kohärenz, geht es in diesem Seminar darum, nur jene Muslime anzusprechen, die sich tatsächlich für das verhandelte Thema interessieren und mehr noch bereit sind den Stoff auch zu lernen mittels den abgegebenen Unterlagen. Das Umfeld soll aus diesem Grund absichtlich nicht die Moschee sein, die unglücklicherweise von vielen Muslimen (ausserhalb der Gebetszeiten) mit Herumsitzen und Ineffizienz assoziiert wird, was erklärtermassen nicht ins Konzept eines IZRS-Seminars passt.
Wie das Departement für Infostände und Da’wa bestätigt, wurden Anfang Januar 30‘000 neue Informationsbücher über den Islam in Deutsch, Französisch und weiteren Sprachen angeliefert. Die Bücher dienen der seit 2010 laufenden Informationsoffensive «Interaktion mit der Gesamtgesellschaft», die im Nachgang an die Anti-Minarett-Abstimmung vom IZRS lanciert wurde. Auch 2011 werden in rund zehn Schweizer Städten monatlich im Rahmen von Infoständen die Fragen verunsicherter Bürger beantwort.
Schliesslich laufen die Vorbereitungen für die IZRS Jahreskonferenz 2011 auf Hochtouren. Internationale Redner, Naseed Sänger und Qur’an Rezitatoren werden uns in shaa‘ Allah die Ehre bereiten. Wir hoffen, Sie und Ihre Familie am Sa., 19. Februar 2011 im Bieler Kongresshaus begrüssen zu dürfen.
Ihr IZRS Team
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Tel. +41 31 511 02 90 Fax +41 31 511 02 91
www.islamrat.ch www.izrs.ch www.conseilcentral.ch
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IZRS Jahreskonferenz am 19. Februar im Kongresshaus Biel
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Islamische Identität und die Moderne
Eilmeldung: Soeben konnte der wohl berühmteste und beliebteste Qur’an Rezitator Shaykh Mishary ibn Rashid al-‘afasy noch bestätigt werden.
Al-‘afasy wird zum ersten Mal überhaupt in der Schweiz auftreten. Er studierte den Qur’an in Medina Munawwara und beherrscht mit seiner einzigartigen Stimme alle zehn Lesearten. Er ist aktuell Imam der grossen Zentralmoschee in Kuwait, wo er jeweils im Ramadan das Taraweeh Gebet liest. --> Siehe Video [Surat Yusuf]
Die Jahreskonferenz des Islamischen Zentralrates bietet mehr als nur Reden bekannter islamischer Persönlichkeiten und Nasheed. Sie bietet vor allem eine Plattform für muslimische Individuen, sich zu öffentlich und oft über ihren Kopf hinweg diskutierten Themen im Plenum selbst zu äussern. Diejenigen, die es vorziehen off the record Kontakte zu knüpfen, am Rande Gespräche mit Referenten, geladenen Gästen aus Diplomatie, Wirtschaft und Politik zu führen oder einfach nur die Vielfältigkeit der muslimischen wie auch nicht-muslimischen Besucher zu bestaunen sind selbstverständlich gleichermassen willkommen.
Wir erwarten am 19. Februar um die 1000 Besucher aus dem In- und Ausland. Eingeladen sind alle Interessierten Menschen unabhängig von ihrer Mitgliedschaft oder Nicht-Mitgliedschaft im IZRS. Niemand muss sich bei der Grösse und dem Umfang des Angebots langweilen. Leitmotiv der Jahreskonferenz 2011 ist die Suche nach einer islamischen Identität in, neben oder nach der Moderne. Neben Ansprachen international bekannter Persönlichkeiten wie Yusuf Estes und Yvonne Ridley findet auch ein Podiumsgespräch mit kompetenten Personen aus Lifestyle, Predigt und Kultur statt. Dabei soll die Frage diskutiert werden, ob bzw. wie islamische Organisationen zur Konstruktion islamischer Identität beitragen können. Dem Publikum wird dabei interaktive Partizipation ermöglicht.
Im Foyer wird ein grosser islamischer Bazar eingerichtet mit Ständen aus allen möglichen Brachen. Das Motto hier lautet: Islamischer Lifestyle! Islamische Getränke, Kleider, Möbel, Bücher u.a. werden vor Ort angeboten. Man kann es drehen und wenden wie man will, die IZRS Jahreskonferenz 2011 wird der grösste islamische Event sein, der bisher in der Schweiz stattgefunden hat. Snacks und Getränke werden allen Besuchern in den Pausen frei offeriert. Die Geschlechtertrennung im Plenarsaal ist selbstverständlich genauso garantiert, wie ein professioneller Kinderhütedienst, der in Zusammenarbeit mit der MFOS allen Eltern mit Kindern ab zwei Jahren kostenlos angeboten wird. Die ganze Veranstaltung wird simultan in die drei Sprachen Deutsch, Französisch und Englisch übersetzt.
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(DE/ENG/FR) Weitere Infos unter www.2011.izrs.ch
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Newsletter 12/2010
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Das Zinssystem kann auf Dauer nicht funktionieren weil es zwangsläufig zur Krise führt
Die Folgen des teuren Frankens wurden letzten Freitag in Bern erstmals offiziell auf politischer Ebene erörtert. Rasche Abhilfe ist aber nicht in Sicht obwohl der Euro am gleichen Tag gegenüber dem Franken wieder leicht zugelegt hat. Da stellt sich die Frage: Wer regiert eigentlich? Bestimmt die Politik über Märkte und das Geld oder ist es umgekehrt? Im Islam, von immer mehr Gegnern heute als politische Ideologie diffamiert, findet sich ein komplettes, alternatives Wirtschaftsmodell, das die Verbesserung des sozioökonomischen Zusammenlebens der Menschen in den Mittelpunkt stellt und nicht das Geld.
Von Hajj Oscar A.M. Bergamin
«Geld oder Leben!» – das ist zuerst die kriminelle Sprache eines Raubüberfalls. Ich muss mich entscheiden: Lasse ich mich zusammenschlagen – oder gebe ich meine Brieftasche dem Räuber hin. «Geld oder Leben!» ist aber auch zum anderen die existentielle Sprache in der Krise unseres gegenwärtigen Kulturverfalls, in der wir uns für das eine oder für das andere entscheiden müssen. Wir werden gefragt: Wollen wir den quantitativen Gesetzen und Bedürfnissen des Kapitals folgen oder den qualitativen Gesetzen und Bedürfnissen des Lebens gerecht werden? Oh, aufgepasst! Sätze von Islamisten? Islamische Politikkonzepte? Auswüchse des politisch-islamischen Denkens? (Achtung!!! «Der politische Islam ist für die Schweiz eine Bedrohung», ein Zitat der St.Galler FDP-Regierungsrätin und alt Bundesratskandidatin Karin Keller-Sutter im Interview mit der «Tages-Anzeiger»). Nein Falsch! Diese Sätze stammen aus einer Predigt über das Evangelium Lukas 16, 1-13. Geld kommt von «Geltung»: Es ist das, was als Tauschmittel soziale Geltung hat. Es kann sein, dass Geld die Welt regiert, aber es unterliegt als etwas Geschaffenes, wie auch der Rest der Schöpfung. Darin sollten sich eigentlich Christen, Juden und Muslime einig sein. Es gibt einen besonderen Ratschlag, den wir sowohl von den alten griechischen Philosophen wie von den Juden des Alten Testaments, den bekannten christlichen Lehrern des Mittelalters erhalten, und nicht zuletzt ganz klar von Koran und Sunna des Propheten Mohammed, den unser modernes Wirtschaftssystem aber völlig ausser Acht lässt. Und zwar sagen sie uns alle, wir sollten kein Geld auf Zins verleihen; während das Verleihen von Geld auf Zins – heute heisst das Kapitalanlage – die Basis unseres gesamten Wirtschaftssystems ist. Nun bin ich kein Ökonomieprofessor und ich kann also nicht beweisen, ob das gegenwärtige System der Kapitalanlage für unsere Situation verantwortlich ist oder nicht, aber ich stelle einfach fest, dass drei grosse Religionen und damit eigentlich auch Zivilisationen übereinstimmend das verdammten, worauf unser gesamtes Leben basiert. Und das nicht erst seit gestern.
Verzicht auf Spekulationsgeschäfte: Islamische Lösungsansätze am «Krisengipfel» in Bern
«‘Drachme, Dirhem, Taler, Pfund‘»: Eine kurze Geschichte der Währungen» heisst ein neues Buch das demnächst erscheinen soll. Sein Thema sind die wichtigsten Leitwährungen der abendländischen Geldgeschichte und Herausgeber ist das sogenannte Money Museum in – ja wo eigentlich sonst? – Zürich! Geld bestimmt unseren Alltag von morgens bis abends in vielen Facetten und Handlungen, nur ist man sich dessen vielfach nicht bewusst. Im Fernsehen laufen Shows von «Wer wird Millionär?» bis hin zu «Geld oder Liebe?». Im Fussball kassieren die «Fussballmillionäre» völlig irreale Gehälter, während man mehr Gedanken darüber verliert, ob Manager nun Anrecht auf Boni haben oder nicht, das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» titelte «Euroland, abgebrannt. Ein Kontinent auf dem Weg in die Pleite» und die Zeitung «Blick» scheuchte vergangene Woche auf mit den Meldungen «Schneider-Ammann muss handeln», «Killt der starke Franken 100‘000 Jobs?». Andere Zeitungen spielten ebenfalls mit dem Satz: «Bleibt der Franken gegenüber dem Euro stark, stehen 100‘000 Arbeitsplätze auf dem Spiel». Die Folgen des teuren Frankens wurden vergangenen Freitag in Bern erstmals offiziell auf politischer Ebene erörtert. Bei den Teilnehmern des vom Finanzminister Johann Schneider-Ammann ins Leben gerufenen sogenannten «Krisengipfels» handelte es sich um den Ausschuss der ausserparlamentarischen Kommission für Wirtschaftspolitik sowie Vertreter von Branchen, die von der Aufwertung des Frankens besonders betroffen sind, nämlich Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften sowie Vertreter von Industrie, Banken und Tourismuswirtschaft. Ziel der Sitzung, so die offizielle Darstellung des Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartements, war es, eine Lagebeurteilung der Wechselkurssituation vorzunehmen sowie die Konsequenzen zu diskutieren, und zwar die Risiken wie auch die Chancen. Das es am vergangenen Freitag weder Beschlüsse noch Einigkeit über das beste Rezept für Nationalbank und Behörden gab, ist klar. Dass bei den Vorschlägen und Forderungen von Gewerbe und Gewerkschafter eine Reihe von pur islamischen Grundsätzen ins Feld geführt wurde, dürfte bei nicht-Muslimen für Aufhorchen sorgen. So war von einem freiwilligen Verzicht der Banken auf Spekulationsgeschäfte die Rede. Eine solche Massnahme wäre heute aber angesichts der Dimension der internationalen Devisenmärkte wie ein Schlag ins Wasser. Zudem war von Abwehrmassnahmen gegen den Zufluss von Devisen, eine Spaltung des Devisenmarkts die Rede. Dies wird von den Gewerkschaften begrüsst und unter anderem mit dem Beispiel Singapurs untermauert. Wohl möglich war der Gipfel vom Freitag auch ein Schlag ins Wasser, denn der Euro hat am gleichen Tag gegenüber dem Franken wieder zugelegt. Am Morgen kostete die europäische Einheitswährung 1,2925 Franken, nach 1,2866 Franken am Vorabend. Und positive Nachrichten gab es auch von den Euro-Sorgenkindern: Nach Portugal besorgten sich am Freitag auch Spanien und Italien erfolgreich frisches Geld am Kapitalmarkt, wenngleich zu höheren Zinssätzen. Spanien nahm drei Milliarden Euro auf, Italien sechs Milliarden Euro. Die Märkte reagierten wohlwollend. Der Euro sprang über die Marke von 1,33 US-Dollar auf 1,3339 Dollar. Am frühen Nachmittag hatte die Europäische Zentralbank (EZB) den Referenzkurs noch auf 1,3199 Dollar festgesetzt. Der Dollar kostete damit 0,7576 Euro. Auftrieb erhält der Eurokurs nach Einschätzung von Experten durch Äusserungen des Präsidenten der EZB, Jean-Claude Trichet, wonach die Euro-Währungshüter einer anziehenden Inflation mit Zinserhöhungen begegnen könnten
--> Lesen Sie den ganzen Artikel online.
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Der Feuertanz um Diskurshoheit in der Moderne
Weshalb uns die unreflektierte Übernahme von Begriffen aus der europäischen Tradition zu Objekten westlicher Hegemonialdiskurse macht.
Von Abdel Azziz Qaasim Illi
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„Mon pays n’est plus en Afrique, nous faisons partie de l’Europe actuellement,“ rief der ägyptische Vizekönig Ismail (gest. 1895) auf dem Höhe- und Wendepunkt seiner aggressiven Modernisierungskampagne aus. Welch gravierende Konsequenzen diese extensive Form der kulturellen Selbstnegation für ihn und vor allem sein Land hatte und vermutlich bis heute hat, konnte er ab 1879 in sicherer Distanz aus seinem Exilpalast in Istanbul beobachten. 1882 übernahm nämlich London die Herrschaft am Nil und führte ironischerweise den von Ismail geprägten Gedanken, wonach Ägypten nunmehr zu Europa gehöre, in freilich etwas anderer Reihenfolge konsequent zu Ende.
Die politische Grosswetterlage während der Herrschaftsperiode des Vizekönigs (1863-79) war von einem aggressiven Expansionswillen europäischer Mächte geprägt. Diesem zu widerstehen war die undankbare Aufgabe muslimischer Fürsten jener Zeit. Ismail folgte, so weit die politische Agenda Ägyptens nicht bereits durch seinen Vorgänger, Said Pascha (1854-1863), unabänderlich vorgegeben worden war, dem osmanischen Beispiel. In Istanbul setzte sich bekanntlich ab den 1830er Jahren die Überzeugung durch, dass der zunehmenden europäischen Überlegenheit auf wissenschaftlich- und militärischem Gebiet nur durch eine obrigkeitlich oktroyierte Reform von Staat und Gesellschaft begegnet werde könne. Diese als Tanzimat bezeichnete Modernisierungsphase war stark geprägt von blinden Angleichungsbewegungen an indigen europäische Denk- und Handlungsmodi. Die Zeit schien bereits zu knapp, um das Osmanische vor dem Hintergrund der eigenen Tradition neu zu erfinden. Schnell mussten jahrzehntelange Denkpausen durch die Übernahme europäischer Strukturen wettgemacht werden. Auf eine solche unreflektierte Modernisierung um den Preis der politischen und kulturellen Unabhängigkeit liessen sich auch die ägyptischen Vizekönige ein. Ferdinand de Lesseps gelang es sofort nach dem Machtwechsel in Kairo (1854) Said Pascha vom Bau des Suezkanals zu überzeugen, dessen Arbeiten fünf Jahre später 1859 in Port «Said» anliefen und Ägypten in Verbindung mit anderen Grossprojekten finanziell in den Ruin treiben sollten. Schliesslich glaubten Said und Ismail europäischer Hegemonialrhetorik, die muslimische Fürsten von Marokko bis Indonesien ganz prinzipielle als unzivilisiert zu beschreiben pflegte. Zivilisiertheit schien sich in ihrem Denken nur noch in der Übernahme europäischer Technologie ausdrücken zu lassen. Auf der anderen Seite fiel es den technologisch weit fortgeschrittenen Europäern im 19. Jh. leicht, sich positiv als die Zivilisierten darzustellen, während sie die weit abgeschlagenen osmanischen Satellitenstaaten immer weiter unter Rechtfertigungsdruck setzten.
Ob Strategie oder Kontingenz der Geschichte, das Beispiel zeigt deutlich, dass am Anfang kulturpolitischer Knechtschaft durchaus ein Diskurs stehen kann, der von den Prämissen und der Tradition eines Systems ausgehend auf andere Systeme, die sich ihm bereitwillig unterwerfen, Macht ausübt. Dass gerade im 19. Jh. nicht nur Fürsten, sondern auch muslimische Denker dem Europäischen stets nur reaktiv gegenübertraten, glaubt der Islamwissenschaftler Tilman Nagel. Basierend auf Albert Houranis Untersuchungen über das «Arabische Denken im Zeitalter des Liberalismus» vertritt Nagel die Auffassung, dass muslimische Autoren unter dem Einfluss moderner Bildung jeweils mit «Aufnahme, Umdeutung und Abwehr europäischen Gedankenguts» reagierten. In der Tat lässt sich eine an Nagels «Umdeutung» erinnernde kulturelle Defensivhaltung auch bei muslimischen Ideologen der 1960er Jahre erkennen.
So entspricht Sayyid Qutb in seinem Werk, «Soziale Gerechtigkeit» (al-‘adāla al-‘ijtimā’iyya), in einer Fussnote des Abschnitts über die Gleichheit der Menschen (al-musāwāt al-insānīya) exakt diesem Nagel’schen Paradigma, wenn er die Ansicht vertritt, dass der Islam das Prinzip der Gleichheit égalité 12 Jahrhunderte vor der Französischen Revolution schon durchgesetzt hätte. Und genau hier liegt das Problem. Qutb übersetzt zwar den Begriff ins Arabische und liefert sekundär auch ein ihm ähnlich anmutendes Konzept aus der islamischen Tradition quasi als Beweis für sein Postulat, vergisst aber welche diskursive Konnotation und differente Wertehaltung dem französischen Konzept zu Grunde liegen. Während, wie er selbst ausführt, die islamische Tradition Gleichheit im Sinne von Gleichgeschaffenheit der Menschen (aus turāb) sowie Gleichheit vor Allah meint, verweist das französische Konzept einzig auf die innerweltliche Stellung der Menschen vor dem Gesetz. Dieser Denkmodus ist für Qutb und andere muslimische Intellektuelle bis heute typisch. Während sie genetisch klar determinierte Termini in nur leicht veränderter Form z.B. ins Arabische übersetzen, glauben sie die moderne, hinter den Begriffen stehende Argumentationslogik, wie das Naturrecht oder den europäischen Liberalismus, durch eine eklektizistische Auswahl islamischer Normen ersetzen zu können. Dies macht Sabine Damir-Geilsdorf Qutb in ihrer Dissertation «Herrschaft und Gesellschaft, Der islamistische Wegbereiter Sayyid Qutb und seine Rezeption» zum Vorwurf. So habe er moderne Begriffe übernommen, dahinter liegende Konzepte jedoch umgedeutet und schliesslich ihre angeblich genuin-islamische Provenienz reklamiert.
Wer die letzten zwei Freitagspredigten im neuen Jahr in Kairo besuchte, kann sich den analytischen Blick auf die heutigen innerislamischen Diskurse durch das Prisma der oben vorgestellten historischen Beispiele weitestgehend ersparen. Anstatt endlich islamische Werte nach den Massstäben unserer Normativität und vor dem Hintergrund der islamischen Tradition selbst zu definieren, sei dies nun trans-, postmodern oder meinetwegen in der Moderne, reagieren wir zeitgenössischen Muslime weiterhin in erschreckend ähnlicher Weise auf westliche Diskurse: Wir übernehmen ihre Termini meist unreflektiert oder wenden sie in unzulässiger Weise auf islamische Konzepte an. So lassen wir offenbar bereitwillig zu, dass westliche Begriffe trotz ihrer starken Kontextgebundenheit, wie jene des «Terrorismus», «Extremismus» oder «Fundamentalismus» zunehmend mit dem Adjektiv «islamisch» verknüpft werden. Mehr noch, haben wir längst begonnen diese Begriffe inkl. der ihnen zugrunde liegenden Denkweisen zu internalisieren und wer heute arabische Presse hört und liest, weiss, dass dafür längst arabische Pendants wie «irhāb», «tatarruf» und «usūliyya» existieren. In einem gewissen Sinne stellt unser Verhalten im Vergleich zur Qutb’schen Begriffsumdeutung eine Zuspitzung in Richtung diskursiver Querschnittslähmung dar. Immerhin versuchte der ägyptische Denker die seinen aus der westlichen Tradition übernommenen Begriffen zugrunde liegenden Konzepte zu ignorieren bzw. durch genuin-islamische zu ersetzen. Aus der Ex-Post-Perspektive wissen wir, dass sich seine Denkweise im globalen Diskurs nicht durchzusetzen vermochte. Schliesslich lässt man sich in Frankreich ungern belehren, dass die durch Aufklärung und Revolution konstruierten Grundwerte des «modernen» Systems ursprünglich «islamisch» seien.
Wir, jedoch haben die Tendenz gleich die Begriffe inkl. ihrer westlich determinierten Konzepte unreflektiert zu rezipieren. Dumm nur, dass gestern wie heute gilt: Wer A sagt muss auch B sagen. Eklektizistisches Teilrezipieren einer genehmen Begriffsdimension funktioniert genau so lange, als sich der Rezipient nur in einem islamischen Binnendiskursraum bewegt und nicht dem globalen Diskurs ausgesetzt ist. Sobald er heraustritt mit einem abgekupferten Begriff, wird sich sein Urheber scharf gegen jeden Umdeutungsversuch stellen.
Genau diese Erfahrung musste auch der Vizekönig Ismail machen. Er war sich auf dem Höhepunkt seines Modernisierungseifers derart sicher, dass er durch blosse Übernahme europäischer Technologien zu einem respektierten Teil der zivilisierten Welt werde, dass er seinen Staat durch immer neue englische Kreditanleihen letzten Endes blind in den Ruin trieb.
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