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Von Nicolas Blancho
Die arabische Welt ist im Umbruch. Noch ist in vielen Ländern unklar, wo das Ganze hinführen wird. Dennoch scheinen die Karten tatsächlich neu gemischt zu werden. Der Wind der Veränderung hat alle Schichten der Gesellschaft erreicht, auch die «Gelehrtenkaste» hat sich von der Stimmung anstecken lassen.

Prof.Dr. Mohammed Yousri, Azhar- Gelehrter und Vorsitzender der American Open University in Kairo, und Nicolas Blancho, Präsident des Islamischen Zentralrates Schweiz
Die Geschichte der islamischen Bewegungen seit dem sogenannten «Sturz» des letzten Kalifen Mehmet IV ist immer schon bewegt gewesen. Mit der Gründung der Muslimbruderschaft 1928 wurde in der islamischen Welt ein neues Kapitel für das religiöse Lager innerhalb des gesellschaftlichen Gefüges aufgeschlagen. Seit die Wege des Staates und der Religion zunehmend auseinander drifteten, nahm die Spannung zwischen diesen beiden Polen zu. Das islamische Lager war faktisch gezwungen, sich als NGO zu organisieren. Die neuen Staaten, wie die Türkei und Ägypten, welche Jahrhunderte alte religiöse Traditionen kannten, wandten sich nun z.T. drastisch vom Religiösen als staatstragende Kategorie ab. Sie sahen ihre Legimitation nicht mehr in der Religion, sondern vielmehr im Nationalismus. Dagegen sträubten sich die islamischen Kräfte, wurden jedoch mit eiserner Hand in Schach gehalten. Gerade Atatürk und Nasser gelten als Paradebeispiele für die gewaltsame Durchsetzung ihrer politischen Ambitionen gegenüber den islamischen Bewegungen. Die starken Repressionen der neuen Staaten spalteten die Gelehrten in verschiedene Lager.
Die religiösen Institutionen wurden nun annektiert und von den neuen Staaten kontrolliert. Ziemlich diktatorisch waren die Anhänger der religiösen Institutionen, meist geregelt über ein Ministerium für religiöse Angelegenheiten, dazu angehalten sich in jedem Falle für die Interessen der Regierung einzusetzen und diese aus der theologischen Perspektive zu legitimieren. Damit wurde dem islamischen Lager die diskursive Hoheit im Zusammenhang mit religiösen Rechtsgutachten entzogen. Jene, die sich nun gegen den Staat und die Regierung ausdrückten, galten in allen Hinsichten als Unruhestifter und Gefahr für die innere Sicherheit. Mit dieser Begründung wurden die jahrelangen Ausnahmezustände in Algerien und Ägypten aufrechterhalten.
Staatstreue Gelehrte versuchten die Ungerechtigkeiten der diktatorisch herrschenden Eliten immer wieder krampfhaft mit theologischen Kategorien zu untermauern, dafür verloren sie in islamischen Kreisen ihre Glaubwürdigkeit. Auf der anderen Seite befanden sich die eher staatfeindlichen Gelehrten, welche sich auch in zwei Lager spalteten. Das eine Lager war der Meinung, dass die aktuelle Herrschaftsform zwar nicht legitim sei, die religiösen Kräfte jedoch wenig dagegen anrichten könnten und man sich daher in Geduld üben und das Beste daraus machen müsse. Das andere Lager erkannte diesen Staaten jegliche Legitimität ab und sah den bewaffneten Kampf und den Sturz solcher Regime als absolute Priorität.
Die Spaltung der religiösen Lager führte über die Jahre hinweg zu grosser Verwirrung und ihr Einfluss auf die Gesellschaft blieb, nicht zuletzt auch durch die fast undurchbrechbare Repression der Staaten, gering. Sie schafften es nicht das Volk auf ihre Seiten zu reissen und eine wirklich effiziente Opposition zu bilden, zumal Volk immer wieder mit furchterregenden Drohungen und Beispielen im Zaum gehalten wurde. Die Niederschlagung der FIS 1991 in Algerien liess die Hoffnungen bei vielen allmählich schwinden. Man sah im Religiösen keine Zukunft, zumindest nicht in den bisherigen religiösen Denkmustern. Während sich die politische Haltung gegenüber islamischen Bewegungen in Ägypten, Algerien, Tunesien, Libyen und Syrien etwa ähnlich entwickelten, verhielt sich dies etwas anders in Saudi-Arabien.
Da sich Saudi-Arabien schon seit Beginn seiner Entstehung religiös definierte und somit auch im islamischen Lager auf breite Zustimmung stiess, zögerte sich der Konflikt hinaus. Aber auch hier hinter den anscheinend religiös perfekten Fassaden stieg und steigt der Unmut. In den 90ern kam es zu den ersten heftigen Konflikten. Saudi-Arabien sei kein islamisches Land, vielmehr ein repressiver Königstaat, der die Rechte der Frauen unterjocht, das Recht zur freien Meinungsäusserung und überhaupt, dass er keine wirklich islamische Legitimität geniesse, diese Stimmen wurden und werden immer lauter.
Nun, heute, da das Volk durch seine Revolution in Tunesien und anschliessend in Ägypten einen sensationellen Umstoss seiner diktatorischen Eliteherrschaft herbeiführte, scheinen sich auch die Gelehrten und die religiösen Kräfte neu formieren zu wollen.
An der faktisch drittgrössten Gelehrtenkonferenz «Muslim Scholars Association» vom 2. - 4. März 2011 in Istanbul, an welcher ich als Vertreter des Islamischen Zentralrates teilnahm, stand die arabische Revolution im Zentrum der Debatten. Die rund 135 anwesenden Gelehrten aus aller Welt und aus den verschiedensten islamischen Lagern waren sich in einem Punkt einig: Sie hätten es verpasst, sich an der Volksrevolution zum richtigen Zeitpunkt zu beteiligen und müssten nun mit der alten politischen Haltung brechen. Es sei nun höchste Zeit, sich politisch zu engagieren, man müsse der religiösen Seite Ausdruck verleihen. Selbst die der neo-salafitischen Bewegung zugerechneten Gelehrten aus Ägypten wie Dr. Abd Allah Shaakir und Dr. Ali Salus und einige aus Saudi-Arabien wie Dr. Abdur Rahman Al-Barrak und A. Mohammed Al-Amin Al-Shanqiti scheinen ihre Meinungen allesamt verändert zu haben. Der Wille zur aktiven Beteiligung beim Aufbau neu ausgerichteter Staaten hat sich bei vielen Gelehrten nun doch auch durchgesetzt, vor allem bei jenen aus Ägypten ist das Votum für eine Beteiligung klar.
Fakt ist, dass sich die religiösen Kräfte in Ägypten wie anderswo viel zu lange zurückgehalten haben. Die Menschen haben sich selbst gegen das verhasste Regime durchgesetzt und die religiösen Lager haben es mehr oder weniger verpasst, die Sympathie des Volkes für sich zu gewinnen. Auch wenn nun der eiserne Wille besteht, sich im Aufbau einen wichtigen Platz zu ergattern, ist dies noch ein harter Weg. Ob es dem religiösen Lager im Nachhinein noch gelingen wird, das Volk für seine Anliegen zu gewinnen, bleibt offen. Ich jedenfalls bin skeptisch. Ob die Gelehrten dieser neuen Herausforderung gewachsen sind, ist fraglich. Nicht zuletzt müsste sich die Gelehrtenkaste nun ganz neu ausrichten und ihre alten Denkmuster über Bord werfen, denn der Wind zum Neuen bringt dem Volk einen ungewitterten Geschmack. Ob die Gelehrten dazu fähig sind, eine passende Alternative zu bieten und eine wichtige Rolle in der Zukunft zu spielen, wird sich in den nächsten Monaten zeigen müssen.
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