Muhammad Qutb starb mit 95 Jahren in Jedda
Muhammad Qutb starb mit 95 Jahren in Jedda

Am vergangenen Freitag, 4. April, verstarb der berühmte islamische Denker Muhammad Qutb – Allah (swt) möge seiner Seele gnädig sein -, der Bruder des durch das Regime Abdel Nassers 1966 hingerichteten Sayyid Qutbs, 95-jährig im saudi-arabischen Jedda.

Von Abdel Azziz Qaasim Illi

Die Umma verabschiedet sich von einem einflussreichen Denker, einem Mann, der sein Leben ganz in den Dienst der islamischen Wissenschaften gestellt hatte, ohne sich aber egoistisch im Elfenbeinturm zu verbarrikadieren. Den Anschluss an die islamische Bewegung hatte er auch nach dem gewaltsamen Tod seines Bruders nie verloren.

Muhammad wurde am 26. April 1919 in der oberägyptischen Ortschaft Muscha, in der Provinz Assuit – möge Allah (swt) sie schützen – als Sohn einer Bauernfamilie geboren. Das ländliche Umfeld liess noch in keiner Weise vermuten, welch grossen Einfluss die beiden Qutb-Söhne einst auf den Gang der jüngsten islamischen Weltgeschichte ausüben würden. Aber von vorne.

Es war seine Mutter, die aus einer Familie mit Gelehrtenhintergrund stammte, welche darauf bestand, die beiden Söhne Sayyid und Muhammad zwecks Ausbildung in die ferne Hauptstadt Kairo ziehen zu lassen.

Die turbulenten letzten Jahre der britischen Kolonialherrschaft, gefolgt von der Inthronisation des ägyptischen Königs Fuad I. und dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs verbrachte der junge Muhammad mit dem Abschluss seiner Primarschule, der Matura und dem Grundstudium der englischen Sprache und Literatur, welches er 1940 mit 21 Jahren erfolgreich abschloss. Es folgte ein Aufbaustudium in Pädagogik und Psychologie. Danach arbeitete er in verschiedenen Bildungsinstitutionen als Lehrer und realisierte diverse Projekte u.a. für das Bildungsministerium.

Es besteht kein Zweifel, dass Muhammad als der jüngere der beiden Qutbs in jener formativen Phase unter grossem Einfluss seines zwölf Jahre älteren Bruders Sayyid stand. Gemäss eigenen Angaben fand ein reger Ideenaustausch statt. Sayyid liess Muhammad stets an seinen aktuellen Gedankengängen teilhaben und lieh ihm seine Bücher aus. Mehr noch, habe er seinem Bruder die Liebe zur Literatur, Dichtung, zum politischen Denken und vielen weiteren intellektuellen Bereichen zu verdanken.

Der Militärputsch von 1952

Nach dem 52-er Putsch der Freien Offiziere unter Ali Naguib und Gamal Abdel Nasser verschärfte sich das politische Klima in Ägypten. Richtig unangenehm wurde es für Muhammad Qutb, als die Nasseristen sich mit den islamischen Kräften verstritten und fortan damit begannen, letztere immer grausamer zu verfolgen. Ausgelöst durch den angeblich von einem muslimischen Aktivisten verübten Mordanschlag wurde im Nachgang an die erste Verhaftung Sayyids 1954 auch Bruder Muhammad kurzzeitig festgenommen. Zwar sass er nie so lange ein wie sein Bruder. Dennoch verfehlte die Haftzeit in einem Militärfoltergefängnis seine Wirkung nicht: «Die Heimsuchung der Militärhaft hatte grossen Einfluss auf meine weitere Entwicklung, so war es doch die erste Erfahrung dieser Art in meinem Leben. Ich kann heute sagen, dass mich das Erlebnis, dieser Gewalt ausgesetzt zu sein, grundlegend verändert hat.»

1965 schlug die Staatsmacht noch einmal zu. Diesmal musste Muhammad sechs lange Jahre in den berüchtigtsten unter den Militärgefängnissen einsitzen, bis er 1971 auf freien Fuss gesetzt wurde. Die Grausamkeit seiner Haftzeit und die Hinrichtung seines Bruders 1966 haben Muhammad seiner Heimat und der dort bis heute herrschenden Militärjunta entfremdet. Unmittelbar nach seiner Freilassung verliess er Ägypten und liess sich in Saudi-Arabien nieder, von wo er nicht wieder zurückkehren sollte.

Lehre und Wirken in Saudi-Arabien

Kurz nach seiner Ankunft im Königreich nahm er eine Stelle als Dozent an der Umm al Qura Universität in Mekka an. Später und bis zu seinem Tod lehrte er an der König Abdel Azziz Universität in Jedda, wo er im Laufe der Jahre über 30 Bücher in den Fachbereichen islamisches Denken, Pädagogik und Literatur publizierte. Viele seiner Werke wurden und werden bis heute weltweit von Muslimen gelesen und die darin vermittelten Ideen leben in der islamischen Bewegung weitestgehend fort. Sein Schaffen wurde in verschiedene Sprachen übersetzt und so einer breiten Leserschaft zugänglich gemacht. Grosse Verbreitung etwa in Europa erfuhren die Bücher «Islam: The Misunderstood Religion» oder «Islam and the Crisis of the Modern World».

1988 zeichnete ihn die König Faisal Stiftung für sein Werk und Wirken innerhalb der modernen islamischen Bewegung mit ihrem Anerkennungspreis aus.

Zeit seines Lebens stand Muhammad unter dem bleibenden Einfluss seines hingerichteten Bruders, dessen Stellung und Ansehen er alleine deshalb schon nicht zu übertreffen wagte, weil Sayyid kraft seiner bis heute stark nachwirkenden Ideen und nicht zuletzt auch wegen seines gewaltsamen Todes innerhalb der islamischen Bewegung als scheinbar zeitloser Meilenstein immer noch massenhaft rezipiert wird.

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