nora_will_talkDie Anne Will Sendung zum Thema Radikalisierung war spannend. Zu spannend, ist man geneigt zu sagen: Seither sind über 70 Folgeartikel erschienen. Eine Auseinandersetzung mit der Thematik an sich fand indes nicht statt. Stattdessen verbreiten gewisse Medienhäuser unaufhaltsam die Behauptung, Nora Illi habe IS-Propaganda betrieben. Eine kalkulierte Lüge?

Von Abdel Azziz Qaasim Illi 

Dass die Live-Sendung am vergangenen Sonntagabend für besondere Aufregung sorgen könnte, wurde in den meisten Berliner Redaktionen schon im Vorfeld vermutet. Bereits am Freitagabend hiess es bei Anne Will, man habe schon lange nicht mehr so viele Akkreditierungen erhalten.

Talkshows zum Thema Islam und Radikalisierung gab es in den vergangenen Jahren zweifelsfrei genug. Nie aber diskutierte eine Muslimin mit, die selbst den Niqâb trägt und wenn auch nicht explizit angekündigt, so doch ein Stück weit die Rolle der Radikalisierten in der Runde spielen sollte. Entsprechend war der Erwartungsdruck hoch, dass die Sendung Material für Folgeberichte in den Online- und Printmedien liefern würde und so kam es denn auch.

Hört man sich die entnervte Reaktion des CDU Politikers Bosbach auf Noras einleitende Erklärungen zu den Rechten der muslimischen Frau an, kann man vermuten, dass alleine eine solche Haltung bereits als verblendet und unreflektierte Propaganda für den „politischen Islam“ bewertet und entsprechend skandalisiert worden wäre. Tatsächlich legen zahlreiche der über 70 erschienenen Medienberichte ihren Fokus auch auf diese Episode.

Anne Will hatte die Sendung aber unter dem Schlagwort der Radikalisierung angekündigt. Gekonnt leitete sie die Diskussion wieder zurück zum eigentlichen Thema, indem sie Ausschnitte aus einen Essay zitierte, den Nora Anfang 2014 zum Thema der frisch aufkommenden Thematik rund um die Jihâd-Reisen Jugendlicher nach Syrien schrieb. Im Essay wies Nora auf den in der Diskussion gerne ausgeblendeten Faktor der Islamophobie als wichtigen Push-Faktor für Jihâd-Abgänge hin und nahm die Eltern in die Pflicht, ihre Kinder bei Anzeichen einer einsetzenden Radikalisierung nicht vor die Türe zu setzen oder an die Behörden auszuliefern, sondern mit ihnen in den Dialog zu treten, um einen drohenden Abgang zu verhindern bzw. bereits ausgereiste wieder zur Rückkehr zu bewegen.

Freilich zielte die pädagogische Methodik Noras auf das Verstehen und nicht das vorschnelle Verurteilen der betreffenden Jugendlichen ab. Will man jemanden mittels persuasiven Mitteln zur Reflexion seiner Ideologie bewegen, muss man seine mentale Innenwelt zuerst einmal kennen. Dass entsprechende Kenntnisse den allermeisten Experten fehlen, ist im Verlauf der aktuellen Diskussion einmal mehr evident geworden. Nora hat in ihrem Essay auf spezifische Narrative zurückgegriffen, welche – ob es nun Herrn Bosbach gefällt oder nicht – bei vielen Muslimen eine gewichtige Rolle spielen. So kam sie dazu, auf das verbreitete Narrativ der „Zivilcourage“ im Zusammenhang mit dem Kampf gegen das Mörder-Regime Bashar al-Asads zurückzugreifen. Ihre Feststellung war primär analytisch und nicht zwangsläufig als normative Aussage gemeint, wobei ich hinzufügen würde, dass selbst eine solche im damaligen Kontext und unter den engen Bedingungen einer beinahe universal unterstützten und moralisch gerechtfertigen Rebellion gegen einen mörderischen Tyrannen nicht völlig abwegig wäre. Daraus eine IS-Affinität abzuleiten, verweist aber schon auf ein erhebliches Mass an Naivität oder eben unredlicher Absicht.

In ihrem Essay konnte es nicht darum gehen, Jugebdlichen den Jihâd schmackhaft zu machen. Dafür war weder der Rahmen noch die Sprache der Publikaktion geeignet. Ziel war es klar, die Protagonisten der öffentlichen Diskussion zu adressieren, um ihnen aufzuzeigen, wo aus ihrer Sicht die Problematik liegt. Der Verdacht liegt nahe, dass sie gerade auch wegen ihrem Essay in die Anne Will Sendung eingeladen wurde, wobei Mansour und Bosbach ihre These alleine aus opportunistischen Gründen niemals hätten gelten lassen. Beide reagierten genervt auf die von Nora zitierten Statistiken zu den Übergriffen auf islamische Institutionen oder jüngsten stark steigenden Zahlen der erklärt Islamophoben in Deutschland. Islamophobie als massgeblicher Push-Faktor für den Jihâd – das darf nicht sein, das muss in Abrede gestellt – ja nötigenfalls mit Lügen übertönt werden.

Und so bleibt der Verdacht, dass es weder Bosbach noch Mansour darum ging, eine rationale, auf Argumenten fussende Diskussion zu führen. Sie beide hatten die altgediente These des bösen „politischen Islams“ in der Tasche bereit, welcher in seiner Essenz radikal sei und der es zu bekämpfen gelte. Da in diesem Weltbild bereits ein Kopftuch als Anzeichen einer Radikalisierung dient, hatte Nora mit ihrem Gesichtsschleicher gar nie den Hauch einer Chance, als reflektierte, selbstbestimmte Muslimin wahrgenommen zu werden.

Die folgende Flut an Medienberichten bis in die Washington Post erschöpfte sich mehrheitlich in der Verbreitung der Behauptung, eine verschleierte Frau, habe radikale, untragbare, teilweise gar „offene IS-Propaganda“ betrieben. Mit Ausnahme von Tele Bärn machte sich keine Redaktion die Mühe, Nora um eine klärende Stellungnahme zu bitten. Ganz offensichtlich überforderte der selbstsichere und kompetente Auftritt einer verschleierten Muslimin, eine Vielzahl von Journalisten, die längst begonnen hatten, an ihre selbstgebastelten Stereotypen der unmündigen muslimischen Frau zu glauben.

 

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