Eine Muslimin in den VAE grüsst Laurent Fabius ohne Händedruck
Eine Muslimin in den VAE grüsst Laurent Fabius ohne Händedruck

Die Debatte um den Händedruck zweier muslimischer Schüler in Therwil trägt die Signatur einer nationalen Massenhysterie. Immerhin: Abkühlung ist in Sichtweite. Zeit sich mit der Struktur der Debatte und der Frage nach ihrer Wirkung zu beschäftigen.

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Kaum zu glauben, dass man in der Schweiz im Jahre 2016 eine nationale Wertedebatte um einen ausgefallenen Händedruck zweier muslimischer Knaben führen muss. Noch unglaublicher ist der aggressive Unterton, der die Debatte färbt. Wer sich nicht zum Händedruck bekennt, wird mit den Prädikaten radikal, fundamentalistisch oder triebgesteuert eingedeckt oder zum naiven Multikulti-Romantiker gestempelt. Wer anderer Meinung ist, erlebt sowas wie vollendete Intoleranz in dieser Debatte.

Talk-Shows, Zeitungsberichte im Stundentakt, Einschätzungen und wieder eine SRF Arena. Der handfeste Skandal um die Enthüllungen in den Panama-Papers geht in der Händedruck-Debatte fast gänzlich unter. Korrupte, Geldwäscher, Steuerhinterzieher aller Couleur wird es freuen, wenn das Land ob einer interreligiösen Bagatelle im Kulturkampf versinkt, anstatt sich ihnen an die Fersen zu heften.

Im Ernst jetzt! Nach der Diskussion um Minarette nun der Händedruck? Was ist nur los mit uns? Das Thema ist weder neu noch besonders brisant. 2012 grüsste der stellvertretende israelische Gesundheitsminister Ya’akov Litzman seine belgische Amtskollegin bei einer Konferenz in Genf, wie es für orthodoxe Juden üblich ist, ohne Händedruck. Die belgische Ministerin übte sich in Aufregung, nachdem ihr bereits ein iranischer Minister die Hand nicht reichen wollte, bis in den Medien die einen oder anderen Artikel unter der Überschrift «diplomatischer Eklat» erschienen. Ganz ähnlich als im November 2015 in Deutschland ein muslimischer Fussballer seine Hand einer Journalistin nicht reichen wollte: ein paar Artikel aber keine Debatte.

Anders bei uns in der Schweiz: Hierzulande glaubt man, kultureller bzw. in diesem Fall eher religiös motivierter Devianz, mit massenhysterischen verbalen Steinigungszeremonien begegnen zu müssen. Jeder darf seinen Stein auf die muslimischen Opfer werfen, bis das letzte Zucken nachlässt. Danach vergewissert man sich, dass man im Recht sei, dass die Opfer die Grenzen der Toleranz weit überschritten hätten und dass das Konzept der Religionsfreiheit überdehnt werde. Der Akt ist vollzogen, jeder Zweifel an seiner Legitimität bedroht jetzt die glänzende Fassade der toleranten, freiheitlichen Gesellschaft. Es gilt nun Zeugen mit muslimischem Hintergrund vor die Kameras zu laden. Sie sollen die Rechtmässigkeit der Steinigung bezeugen, ihren fundamentalistischen Glaubensbrüdern die brav auswendig gelernten Verse über Brauchtum, Anpassung und Integration verlesen.

Ein rückwirkender Richterspruch universitärer Islam-Experten soll das Gewissen der letzten Zweifler reinigen, Muslime in die überwiegende Gruppe der Gutangepassten, will heissen Säkularisierten und die kleinere Gruppe der Intergrationsverweigerer, will heissen der Praktizierenden einzuteilen und die Ablehnung des Händedrucks als Zeichen einer fundamentalistischen saudisch geprägten Glaubenspraxis einzuordnen. Damit entzieht sich der Akt geschickt dem Vorwurf der Islamophobie. Vielmehr kann sich der steinigende Wutbürger nun einreden, man tue Gutes, leiste Aufklärungsarbeit, erkläre den fundamentalistischen Muslimen ihren Irrtum.

Wenn sich der aufgewirbelte Staub nächste Woche dann langsam zu legen beginnt, der Theatervorhang sich schliesst, die Scheinwerfer auf der Bühne ausgehen, Steiniger und Gesteinigte sich ihrem Alltag zuwenden, was bleibt übrig? Hat die Debatte etwas gebracht? Werden alle Muslime nun auf einmal die Hände des anderen Geschlechts drücken? Wird eine Händedruck-Pflicht demnächst in der Bundesverfassung verankert? Kaum! Viel wahrscheinlicher ist, dass es wie der Fall eines Luzerner Zahnarztes bereits vermuten lässt, zu einem kurzfristigen Anstieg gehässigter Kulturchkämpfchen kommen wird, sich mit einigem Verzug die Gemüter dann aber abstumpfen und hier liegt der positive Aspekt der Debatte: Man wird sich in jeder vergleichbaren Situation in Erinnerung rufen, dass unter den Muslimen einige auf den Händedruck mit dem anderen Geschlecht verzichten und dies wenn auch nicht respektieren, so doch dulden. Denn Hand aufs Herz, was war eigentlich das Problem?

 

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