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(qi) Wohin das Auge reicht – Europa hat ein neues Xenophobie-Problem und die Schweiz steht für einmal nicht abseits. In Belgien beschliesst das Parlament mit nur zwei Enthaltungen die gesetzliche Einführung eines vollständigen Verbots des muslimischen Gesichtsschleiers. Sarkozy setzt in Frankreich auf die gleiche Karte, während sein Innenminister Hortefeux schon mal  mit voreiligen Drohungen gegen angeblich polygam lebende Muslime vorprescht. Was man in Deutschland früher den Juden vorwarf, aktualisierte Hans-Jürgen Irmer (CDU Landtagsabgeordneter in Hessen) letzte Woche in aller Selbstverständlichkeit in der Islam-Debatte: „Der Islam ist auf die Eroberung der Weltherrschaft fixiert. Wir brauchen nicht mehr Muslime, sondern weniger.“ Österreich, das bisher gerne als Vorzeigeland in Sachen Integration gehandelt wurde, schockierte Anfang April 2010 mit einer Studie, wonach 54% den Islam als Bedrohung wahrnehmen und gerade mal 11% glauben, dass sich der Islam mit der „westlichen Definition von Demokratie, Freiheit und Toleranz“ vereinbaren lässt. Und auch die Schweiz kommt seit dem Minarett-Verbot weltweit nicht mehr aus den Schlagzeilen und sei es, weil die liberale FDP mit Verweis auf Moscheen und islamische Glaubensschriften ihren anhaltenden Wählerschwund nun durch eine Verschärfung der Staatsschutzgesetze wettzumachen versucht.

Europa steht vor einer Wende zur offenen Islamophobie

Die Islam.ch Redaktion sieht denn auch in diesen jüngsten Auswüchsen eine Bestätigung, dass mit dem Schweizer Minarett-Verbot gegenüber dem Islam in Europa ein Damm gebrochen sei. In der Tat nehmen nicht nur verbale und zuweilen auch tätliche Angriffe gegen Muslime in der Schweiz rasant zu, es etabliert sich auch eine immer totalitärer anmutende Debatte über Werte und Normen. Wenn bis vor einigen Jahren noch das Gesetz als äusserer Diskursrahmen in Religionsfragen galt, so sind es heute unspezifische Werte. Man gibt sich nicht mehr damit zufrieden, dass Werte gekannt und respektiert werden, nein, heute wird die aktive Internalisierung, je nach Windrichtung, in der die politische Fahne weht,  „christlich-abendländischer“, „liberal-demokratischer“ oder „national-traditionaler“ Werte verlangt. Das Konzept der gegenseitigen Anerkennung in Differenz scheint vergessen. In Schulen werden muslimische Mädchen zunehmend gezwungen, ihren Hijab abzulegen, Kultushandlungen, namentlich das Ritualgebet wird durch selbsternannte Wertewächter in Schulen und neustens auch universitären Instituten als unerwünscht de facto verbannt. Auf semi-offiziellen Studentenblogs wird der Islam in Gedichtsform verpackt mit Hass, Terror und Frustration gleichgesetzt.

Just diese längst nicht abschliessenden Beispiele zeigen die Diskursrichtung doch überdeutlich auf. Europa scheint sich vom Konzept des Pluralismus oder wie man heute auch in der pejorativen Wendung sagt: vom „Multi-Kulti“ in grossen Schritten wegzubewegen. Minderheiten aller Couleur sind gut beraten, sich in einer solchen Situation professionell zu organisieren. Die Schweizer Muslime sind spätestens am 29. November aus ihrer schon fast zwanghaft anmutenden Untätigkeit erwacht. Die belgischen Schwestern hatten soeben ihr „Shock and Awe“ Erlebnis, weitere dürften demnächst folgen.

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Veröffentlicht am: 1. Mai 2010
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