Kairo/Bern, 21.06.2011

Von Abdel Azziz Qaasim Illi

This Oct. 29, 2009 photo shows an Egyptian woman in Cairo, right, wearing the niqab, which covers everything but the eyes. Egypt's secular-leaning government, backed by a leading cleric, has banned the niqab in college dormitories and some professions, stirring fierce debate in the Arab world's most populous country. (AP Photo/Amr Nabil) (AP Photo/Amr Nabil)
This Oct. 29, 2009 photo shows an Egyptian woman in Cairo, right, wearing the niqab, which covers everything but the eyes. Egypt’s secular-leaning government, backed by a leading cleric, has banned the niqab in college dormitories and some professions, stirring fierce debate in the Arab world’s most populous country. (AP Photo/Amr Nabil) (AP Photo/Amr Nabil)

Die erfolgreiche ägyptische Revolution gegen das Regime von Hosni Mubarak hat ob ihrer gesellschaftlichen Geschlossenheit für das eine Ziel – den Sturz des als ungerecht empfundenen Systems – ausländische Beobachter genauso ins Staunen versetzt, wie das israelische Establishment in Angst und Schrecken. Alt-Nasseristen neben liberalen Wafd-Anhängern, Seite an Seite mit orthodoxen Muslimen und koptischen Geistlichen. Eine Nation demonstriert Eintracht – ein Idealfall würde man meinen. Doch lange hält das für viele so idyllische Bild nicht. Alte Familienkonflikte zwischen Christen und Muslimen, wobei es fast immer um eine tragische interreligiöse Liebschaft geht, brechen mitten in Kairo aus und hinterlassen verwüstete Kirchen, Moscheen, verletzte und tote Christen und Muslime. So tragisch diese Fehden, so alt und berüchtigt sind sie. In den Zeiten als Mubarak noch die Medien im Lande kontrollierte, wurden solche erweiterten Familiendramen in aller Regel möglichst totgeschwiegen und wenn berichtet wurde, dann nur am Rande, schliesslich konnte man die Auseinandersetzungen auch bei tiefem Griff in die mediale Trickkiste nicht dem grossen Rivalen, den Muslimbrüdern anhängen.

Liberale Kräfte befürchten Mehrheiten für islamisches Bündnis

Neuerdings haben die traditionell ultra-liberalen Zeitungen in Ägypten freiere Hand, solange sie den transitorischen Souverän, das Militär nicht zu stark kritisieren. Ihnen ist klar, dass ein von vielen erwarteter Schulterschluss zwischen Muslimbrüdern und anderen islamischen Gruppierungen oder Institutionen wie z.B. der Al Azhar deutlich absolute Mehrheiten bei den im Herbst geplanten Parlamentswahlen liefern könnten – nicht zuletzt darum, weil Ägypten im Grunde ein vergleichsweise konservatives muslimisches Land ist und viele Bürgerinnen und Bürger dem Islam eine positive Rolle in den Belangen des öffentlichen Lebens zumessen.

So fragt man sich schon, ob es Zufall ist oder warum just Tage nach dem Sturz Mubaraks für viele Ägyper etwas ganz Neues, der Begriff des Salafsimus inflationär in den Medien auftaucht. Bisher assoziierten die Ägypter damit vor allem gewaltbereite Extremisten im Umfeld der Al-Qaida, denn so hatte es ihnen das staatliche Sprachrohr, die Al-Ahram über Jahrzehnte hinweg vermittelt. Nun aber sollen sie plötzlich überall, in jeder Nachbarschaft sein. Schnell wurden steckbriefartig die Kennzeichen eines Protosalafisten verbreitet: weisse, gekürzte Gewänder (Jalabiya), Bart und meist noch Kopfbedeckung. Bon, das schien den Menschen nicht in die Köpfe zu gehen, ist doch das Gewand und die Kopfbedeckung durchaus Teil der Tradition vor allem ärmerer Schichten in Ägypten. Und der Bart? Unter Mubarak musste man in jüngster Zeit zwar weniger als Ende der 90er Jahren, aber trotzdem spoardisch mit Verhaftung und Verhören rechnen, wenn man sich für einen Vollbart in der Tradition des Propheten entschied. Auch davon hatte man am Nil ein für alle Mal genug. Und dennoch wird kräftig an einem neuen anti-religiösen Diskurs mit dem Wunsch herumgefeilt, die verschiedenen islamischen Strömungen gegenseitig zu isolieren.

Muhammad_HassanErstaunlich eigentlich, wenn man bedenkt, dass sich dahinter nur eine Handvoll einflussreicher und unter westlichem Einfluss stehende Medienmultis verbergen, die nun mit allen Mitteln der Rhetorik versuchen den engen Zusammenhalt in der ägyptischen Gesellschaft entlang diesem neuen Feindbildes zu lockern. Dabei kennt der Islam anders als z.B. das Judentum keine rigide Differenzierung in orthodoxe und liberale Gemeinden. Alle möglichen Strömungen beten freitags zusammen in der selben Moschee, tauschen sich aus und respektieren sich gegenseitig. Vermeintlich salafitische TV-Prediger wie Muhammad Hassan ziehen bei ihren Gastpredigten in der Kairoer Innenstadt genauso viele Glattrasierte wie Bärtige an und keiner beschwert sich über eine zu liberale oder zu orthodoxe Kleidung seines Sitznachbars. Verschleierte Muslimas ziehen weiterhin neben ihren leichter bekleideten Glaubensschwestern munter gestikulierend über den Campus der Universität in Giza während intensiv über Hochzeiten oder die Revolution diskutiert wird.

Fragt man durchschnittliche Kairiner nach den Salafisten, dann zucken viele sichtlich verwirrt mit den Schultern. Als ob sie sagen wollten: Wo sind sie denn? Hisham, ein Ingenieur, Mitte 40 aus dem östlichen Stadtteil Medina Nasr schüttelt den Kopf und fragt sich, wer wohl Interesse an einer solchen Diffamierungskampagne haben könne. Israel? Die USA? Der Westen! In Ägypten habe bis vor kurzem niemand von Salafisten gesprochen. Nun sei es in aller Munde. Eine wahrhaftige Angstkampagne sei im Gange, mit dem Ziel, das post-revolutionäre Land durch politischen Dissens zu schwächen. Ausser in den Zeitungsredaktionen klingt es überall gleich. Sogar die christlichen Anwohner Embabas, also jenes dichtbesiedelten Stadtteils, wo es jüngst zu den grausamen Szenen zwischen Christen und Muslimen gekommen war, ist man skeptisch. Augenzeugen berichten, dass es sich bei den beteiligten Muslimen zumindest äusserlich keinesfalls um sogenannte Salafisten gehandelt habe. Demnach habe sich ad hoc ein Mob aus durschnittlichen Anwohnern gebildet, der in der Folge gewaltsam in die Kirche eingedrungen sei.

Konservative Innenminister warnen vor Salafisten in Deutschland

Am Dienstag trafen sich die deutschen Innenminister von Bund und Ländern  in Frankfurt am Main. Boris Rhein (CDU) forderte ein härteres Vorgehen gegen Salafisten, die er als Wegbereiter einer gewalttätigen Ideologie beschrieb. In den deutschen Medien wird vor allem Pierre Vogel als Protosalafist gehandelt. Seine Ideologie sei diejenige innerhalb des Islamismus, die sich am schnellsten ausbreite.

Zwar lässt sich im deutschsprachigen Diskurs mangels passender Protagonisten einfacher auf eine Person fokusieren. Mehr Klarheit, was denn unter dem Begriff des «Salafismus» zu verstehen sei, herrscht freilich nicht. Dafür lassen sich Parallelen zwischen den zwei sicherlich unterschiedlichen Kontexten Ägypten und Deutschland ausmachen: In beiden Fällen versuchen religions- bzw. islamkritische Kräfte die Muslime zu spalten, indem sie den praktizierenden Muslim zum «Salafisten» küren, wobei sie natürlich auch gleich die Definition liefern, was denn ein Salafist sei. Letztlich läuft der ganze Diskurs nolens volens auf eine Parteiung zwischen liberaleren und konservativeren Muslimen hinaus. In beiden Fällen führt eine solche Spaltung zu unnötigem Dissens und noch mehr zur Schwächung islamischer Anliegen, sei es in Ägypten als geschlossene politische Kraft in den kommenden Wahlen oder in Deutschland als geschlossene Interessensvertretung gegenüber einer zunehmend intoleranten Mehrheitsgesellschaft.

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