Bern, 8.3.2010

(ni) Schon nach dem ersten Satz ist die Haltung von Frank A. Meyer gegenüber Burka tragenden Frauen klar. Sein Bild entspricht dem, im Orientalismus entstandenen und heute wieder üblichen Klischee: Eine Muslima ist eine bemitleidenswerte, vom Mann beherrschte, eingesperrte, unfreie Frau. Dieses Denkschema ist ebenso abwegig, wie dass der Bundesrat die Anzahl Niqab- oder Burqa-Trägerinnen als Begründung zur Ablehnung eines Burka-Verbotes verwendet. Der Bundesrat führt als weiteres Argument auf, dass sich die betreffenden Muslimas durch ein solches Verbot in ihren Wohnungen einschliessen würden. Während die Landesregierung korrekterweise ein potentielles Verbot selbst für den drohenden Freiheitsentzung verantwortlich macht, zitiert Frank A. Meyer nur einen Ausschnitt des Satzes und vertauscht die Kausalitäten dahingehend, dass die Ehemänner a priori und offenbar kollektiv als Täter diffamiert werden. Mit anderen Worten: Herr Meyer geht davon aus, dass die Entscheidung über den Grad der Bedeckung nicht bei der Frau liegt, sondern beim Mann und letzterer im Kontext der Familie quasi als Gefängiswärter fungiert. Für ihn ist das Tragen einer Burka Freiheitsberaubung für die Muslima. Er erwähnt korrekterweise, dass Freiheitsberaubung auch ohne Anklage geahndet werden muss. Sollte nun so ein Burka-Verbot in Kraft treten, müssten im Umkehrschluss Strafuntersuchungen gegen die Befürworter eines solchen Gesetzes geführt werden. Denn, Herr Meyer, es ist eine Tatsache, dass Muslimas den Gesichtsschleier aus freiem Willen, religiöser Überzeugung und mit Stolz tragen. Ein Verbot wäre aus dieser Perspekive nur als Entzug eines Freiheitsrechts zu verstehen. Aber folgt man Ihrer Logik, wonach die Muslima ein auf Befreiung wartendes Objekt ist, dann wurden wohl auch die Pariser Demonstrantinnen – darunter viele Niqab-Trägerinnen – von ihren Ehemännern in diesem Fall aus dem Hause auf die Strasse gezwungen.

Es muss gar nicht so multikulti sein: Auch Schweizer Muslimas tragen freiwillig das von Herrn Mayer als „mobiles Gefängnis“ verschriene Tuch und es ist Teil unserer hier garantierten Kultusfreiheit, uns damit in der Öffentlichkeit zu bewegen. Meyer nennt Begriffe wie freiheitliche Zivilsation und kulturelle Toleranz. Scheinbar sind ihm die dahinterliegenden Bedeutungen dieser Begriffe nicht ganz präsent. Liest man seine Schlussfolgerung, wonach Muslimas Leibeigene ihrer Männer seien, erweckt dies den Eindruck, dass er im Zeitalter des klassischen Orientalismus im Sinne Edward Saids lebt. Er meint, islamische Kultushandlungen abwerten zu müssen, während er sich selbst als aufgeklärt und zivilisiert versteht. Betrachtet man diese Aussagen im Zeitfenster jenes Orientalismus‘, in welchem auch der Zivilisations-Diskurs seinen Höhepunkt fand, so entsteht der Eindruck, dass sich Herr Meyer als Vertreter der Zivilisation sieht, wohingegen den Muslimen nur noch die Rolle der Barbaren übrig bleibt.

Ausserdem lässt er in seiner Argumentation die Burka tragendenden Konvertitinnen, welche sehr wohl in der von ihm so definierten freiheitlichen Zivilisation sozialisiert sind, ausser Acht.
Mit dieser Antwort reagiert Umm Nusaybah auf eine Kolumne Frank A. Mayers im Blick (7.3.2010).

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