Nicolas Blancho: Opfer oder Angeklagter?
Nicolas Blancho: Opfer oder Angeklagter?

Der mit Spannung erwartete Auftritt des IZRS-Präsidenten Nicolas Blancho bei den Zürcher Prozessen gegen die Weltwoche endete im Würgegriff zwischen kultur-marxistischer Religionskritik und rechtsbürgerlichem Spiessertum.

Von Abdel Azziz Qaasim Illi

Anstatt Blancho wie vereinbart als Opfer einer präzedenzlosen Verleumdungskampagne «Bin Laden von Biel» zu befragen, wählte der Ankläger Robert Misik eine andere Strategie. Blancho schien ihm der geeignete Kandidat, um der Weltwoche einen Zufallstreffer zuzugestehen, womit er seine eigene Glaubwürdigkeit als differenzierter Citoyen zu untermauern versuchte. Allerdings war das nur das Vorspiel. Im zweiten Akt wurde das Zugeständnis dann in Kritik umgemünzt. Die Weltwoche instrumentalisiere Blancho als Vertreter des Extremen und Marginalen vorsätzlich und stilisiere ihn zur Norm hoch, um damit die von linker Seite oft und gerne bemühte Differenz zwischen der grossen Mehrheit der [guten] Muslime und der kleinen Minderheit extremistischer Elemente zu trüben.

So ganz wollte das Misik aber dann doch nicht gelingen. Ganz zu Beginn verstieg er sich in eine fragwürdige aber aufschlussreiche Opposition zwischen Schweizer- und Muslimsein. Damit entlarvte er seine eigene essentialistische Wahrnehmung der Muslime als dauerverdächtige Citoyens.

Auf die Frage, ob der IZRS-Präsident ein «Islamist» sei, entgegnete jener mit: «Mainstream-Muslim». Damit drohte die aufgebaute Kulisse des Extremen und Marginalen in sich zusammenzustürzen. Entsprechend gab sich der Ankläger Misik nicht zufrieden und doppelte nach: «Naja, aber gerade die Weltwoche versucht Sie – möglicherweise zu Recht- […] als radikalen Muslim darzustellen.»

Blancho liess sich aber nicht in die Ecke treiben und antwortete auf die notorische Alles-oder-Nichts-Frage, wie es denn um die Steinigung im Islam stehe, geschickt mit einem Exkurs über die Abholzung der Wälder in Brasilien, was er dem sichtlich verdutzten Ankläger zugleich begründete: «Sie haben mir eine Frage gestellt, die überhaupt keinen Zusammenhang hat mit mir als Muslim in der Schweiz. Und somit habe ich Ihnen eine zusammenhangslose Antwort gegeben.»

Die Angriffe der Verteidigung, vor allem jene des SVP Kantonsrats Claudio Zanetti blieben im Bereich des unteren Rahmenrandes der Erwartungen. Wie einst Oskar Freysinger in der Arena, redete sich auch Zanetti derart in Rage, dass ihn Richter Giuseppe Nay zur Mässigung ermahnen musste.

Islamische Identität als Widersacher linker Repräsentationsansprüche

Die knapp zwanzig Minuten fesselndes Bühnenschauspiel zeigten fern ab der realen Gesellschaftsdebatten spielerisch und doch mit gewisser Ernsthaftigkeit auf, wie sehr nicht nur rechtsbürgerliche Kreise im Umfeld der Weltwoche den Islam in ihren Deutungshorizont zu pressen versuchen, sondern auch die Linke – wenn auch ungleich subtiler. Letztere bekundet in Marx‘ Tradition verhaftet (Religion ist Opium fürs Volk) eine prinzipielle Skepsis gegenüber dem Religiösen und versucht daher den Islam stets als Kultur zu deuten. So lange Muslime – idealerweise Migranten mit Gastmentalität, Konvertiten wie Blancho sind ihnen nur schon darum suspekt, weil hier nicht sinnvoll mit Kultur operiert werden kann – sich ihrem Repräsentationsanspruch unterordnen, so lange sie als unschuldige Opfer der rechten Kulturlosigkeit, als Projektionsfläche für linke Politik, für ihren vorgeblich gerechteren Gesellschaftsentwurf Spalier stehen, so lange funktioniert die Symbiose. Definiert sich der Muslim jedoch selbst und dann noch explizit unabhängig von Kultur und Herkunft, so fürchtet die Linke, die Kontrolle zu verlieren.

Das Verhör zeigte diesen Prozess der linken Anfeindung angesichts Blanchos Anspruch auf Selbstrepräsentation als lustvoll inszenierte Fussnote auf – fernab von der Ernsthaftigkeit der gesellschafts-politischen Debatte, dort wo solche Spielereien hingehören – auf der Theaterbühne.

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