Die Folgen des teuren Frankens wurden letzten Freitag in Bern erstmals offiziell auf politischer Ebene erörtert. Rasche Abhilfe ist aber nicht in Sicht obwohl der Euro am gleichen Tag gegenüber dem Franken wieder leicht zugelegt hat. Da stellt sich die Frage: Wer regiert eigentlich? Bestimmt die Politik über Märkte und das Geld oder ist es umgekehrt? Im Islam, von immer mehr Gegnern heute als politische Ideologie diffamiert, findet sich ein komplettes, alternatives Wirtschaftsmodell, das die Verbesserung des sozioökonomischen Zusammenlebens der Menschen in den Mittelpunkt stellt und nicht das Geld.

Bern, 15.01.2011

Von Hajj Oscar A.M. Bergamin

Oscar1_bearbeitet-2«Geld oder Leben!» – das ist zuerst die kriminelle Sprache eines Raubüberfalls. Ich muss mich entscheiden: Lasse ich mich zusammenschlagen – oder gebe ich meine Brieftasche dem Räuber hin. «Geld oder Leben!» ist aber auch zum anderen die existentielle Sprache in der Krise unseres gegenwärtigen Kulturverfalls, in der wir uns für das eine oder für das andere entscheiden müssen. Wir werden gefragt: Wollen wir den quantitativen Gesetzen und Bedürfnissen des Kapitals folgen oder den qualitativen Gesetzen und Bedürfnissen des Lebens gerecht werden? Oh, aufgepasst! Sätze von Islamisten? Islamische Politikkonzepte? Auswüchse des politisch-islamischen Denkens? (Achtung!!! «Der politische Islam ist für die Schweiz eine Bedrohung», ein Zitat der St.Galler FDP-Regierungsrätin und alt Bundesratskandidatin Karin Keller-Sutter im Interview mit der «Tages-Anzeiger»). Nein Falsch! Diese Sätze stammen aus einer Predigt über das Evangelium Lukas 16, 1-13. Geld kommt von «Geltung»: Es ist das, was als Tauschmittel soziale Geltung hat. Es kann sein, dass Geld die Welt regiert, aber es unterliegt als etwas Geschaffenes, wie auch der Rest der Schöpfung. Darin sollten sich eigentlich Christen, Juden und Muslime einig sein. Es gibt einen besonderen Ratschlag, den wir sowohl von den alten griechischen Philosophen wie von den Juden des Alten Testaments, den bekannten christlichen Lehrern des Mittelalters erhalten, und nicht zuletzt ganz klar von Koran und Sunna des Propheten Mohammed, den unser modernes Wirtschaftssystem aber völlig ausser Acht lässt. Und zwar sagen sie uns alle, wir sollten kein Geld auf Zins verleihen; während das Verleihen von Geld auf Zins – heute heisst das Kapitalanlage – die Basis unseres gesamten Wirtschaftssystems ist. Nun bin ich kein Ökonomieprofessor und ich kann also nicht beweisen, ob das gegenwärtige System der Kapitalanlage für unsere Situation verantwortlich ist oder nicht, aber ich stelle einfach fest, dass drei grosse Religionen und damit eigentlich auch Zivilisationen übereinstimmend das verdammten, worauf unser gesamtes Leben basiert. Und das nicht erst seit gestern.

Verzicht auf Spekulationsgeschäfte: Islamische Lösungsansätze am «Krisengipfel» in Bern

«‘Drachme, Dirhem, Taler, Pfund‘»: Eine kurze Geschichte der Währungen» heisst ein neues Buch das demnächst erscheinen soll. Sein Thema sind die wichtigsten Leitwährungen der abendländischen Geldgeschichte und Herausgeber ist das sogenannte Money Museum in – ja wo eigentlich sonst? – Zürich! Geld bestimmt unseren Alltag von morgens bis abends in vielen Facetten und Handlungen, nur ist man sich dessen vielfach nicht bewusst. Im Fernsehen laufen Shows von «Wer wird Millionär?» bis hin zu «Geld oder Liebe?». Im Fussball kassieren die «Fussballmillionäre» völlig irreale Gehälter, während man mehr Gedanken darüber verliert, ob Manager nun Anrecht auf Boni haben oder nicht, das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» titelte «Euroland, abgebrannt. Ein Kontinent auf dem Weg in die Pleite» und die Zeitung «Blick» scheuchte vergangene Woche auf mit den Meldungen «Schneider-Ammann muss handeln», «Killt der starke Franken 100‘000 Jobs?». Andere Zeitungen spielten ebenfalls mit dem Satz: «Bleibt der Franken gegenüber dem Euro stark, stehen 100‘000 Arbeitsplätze auf dem Spiel». Die Folgen des teuren Frankens wurden vergangenen Freitag in Bern erstmals offiziell auf politischer Ebene erörtert. Bei den Teilnehmern des vom Finanzminister Johann SchneiderAmmann ins Leben gerufenen sogenannten «Krisengipfels» handelte es sich um den Ausschuss der ausserparlamentarischen Kommission für Wirtschaftspolitik sowie Vertreter von Branchen, die von der Aufwertung des Frankens besonders betroffen sind, nämlich Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften sowie Vertreter von Industrie, Banken und Tourismuswirtschaft. Ziel der Sitzung, so die offizielle Darstellung des Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartements, war es, eine Lagebeurteilung der Wechselkurssituation vorzunehmen sowie die Konsequenzen zu diskutieren, und zwar die Risiken wie auch die Chancen. Das es am vergangenen Freitag weder Beschlüsse noch Einigkeit über das beste Rezept für Nationalbank und Behörden gab, ist klar. Dass bei den Vorschlägen und Forderungen von Gewerbe und Gewerkschafter eine Reihe von pur islamischen Grundsätzen ins Feld geführt wurde, dürfte bei nicht-Muslimen für Aufhorchen sorgen. So war von einem freiwilligen Verzicht der Banken auf Spekulationsgeschäfte die Rede. Eine solche Massnahme wäre heute aber angesichts der Dimension der internationalen Devisenmärkte wie ein Schlag ins Wasser. Zudem war von Abwehrmassnahmen gegen den Zufluss von Devisen, eine Spaltung des Devisenmarkts die Rede. Dies wird von den Gewerkschaften begrüsst und unter anderem mit dem Beispiel Singapurs untermauert. Wohl möglich war der Gipfel vom Freitag auch ein Schlag ins Wasser, denn der Euro hat am gleichen Tag gegenüber dem Franken wieder zugelegt. Am Morgen kostete die europäische Einheitswährung 1,2925 Franken, nach 1,2866 Franken am Vorabend. Und positive Nachrichten gab es auch von den Euro-Sorgenkindern: Nach Portugal besorgten sich am Freitag auch Spanien und Italien erfolgreich frisches Geld am Kapitalmarkt, wenngleich zu höheren Zinssätzen. Spanien nahm drei Milliarden Euro auf, Italien sechs Milliarden Euro. Die Märkte reagierten wohlwollend. Der Euro sprang über die Marke von 1,33 US-Dollar auf 1,3339 Dollar. Am frühen Nachmittag hatte die Europäische Zentralbank (EZB) den Referenzkurs noch auf 1,3199 Dollar festgesetzt. Der Dollar kostete damit 0,7576 Euro. Auftrieb erhält der Eurokurs nach Einschätzung von Experten durch Äusserungen des Präsidenten der EZB, Jean-Claude Trichet, wonach die Euro-Währungshüter einer anziehenden Inflation mit Zinserhöhungen begegnen könnten

Demokratiefeindliche Kommunisten als Gläubiger

Ich habe die Frage schon mal gestellt: Wollen wir den quantitativen Gesetzen und Bedürfnissen des Kapitals folgen oder den qualitativen Gesetzen und Bedürfnissen des Lebens gerecht werden? Da ist von «frischem Geld am Kapitalmarkt» die Rede. Und das wird einfach irgendwo am Mittelmeer oder am Atlantik angeschwemmt oder wie? Nein! Woher das Geld stammt wird kaum erwähnt. «Es ist die Ironie der Geschichte: China will zur Stabilisierung des Euro noch mehr Staatsanleihen europäischer Schuldensünder aufkaufen», schreibt der deutsche Verleger und Herausgeber der «Islamischen Zeitung», Abu Bakr Rieger. Und das ist dann auch die Tatsache: Ausgerechnet die kommunistische Volksrepublik China reicht den Kapitalisten aller Länder die Hand. Neben den Afrikanern und Amerikanern werden die Chinesen nun auch die Europäer vor dem Ertrinken retten müssen. Der chinesische Vize-Premierminister Li Keqiang ist gerade auf Shoppingtour durch die wichtigsten Hauptstädte Europas. Die Strategie der Chinesen ist einfach: Peking kauft Teile der Wirtschaft und damit auch einigen Einfluss auf die europäische Politik. Das Spiel dürfte noch einige Runden weitergehen – China verfügt über gewaltige Devisenreserven von rund 2,8 Billionen US-Dollar. «Nach der lautlosen Symbiose ehemals feindlicher Systeme, die die Euro-Krise endgültig deutlich macht, wird auch über die Politik des 21.Jahrhunderts neu nachgedacht werden müssen», schreibt Abu Bakr Rieger. Der autoritäre Kapitalismus wappne sich für weitere feindliche Übernahmen und wird in seiner Funktion als neuer Mega-Gläubiger praktisch unangreifbar. Für die selbstbewussten Chinesen ist dabei der ökonomische Mehrwert die einzige entscheidende Kategorie. Die Politik reagiert ernüchtert: Wer redet schon Klartext mit seinem Gläubiger?

Nicht die Politik, die ökonomische Macht bricht das Gesetz

Der ökonomische Ausnahmezustand ist eine Kategorie des Regierens, die nach den diversen Rettungsaktionen für den Euro nicht mehr ignoriert werden kann. In den letzten Jahrzehnten bricht in Europa nicht die Politik, sondern die ökonomische Macht das Gesetz. Als globale Finanztechnik wird das Finanzsystem dabei so mächtig, dass der Mensch sich für sein geistiges und politisches Überleben wieder auf seinen ganzheitlichen Zusammenhang rückbesinnen muss. Ist es also der politisch motivierte Islam, der eine Gefahr für die westlichen Demokratien darstellt? Ist der Islam an sich nicht demokratiefähig, wie es von vielen Seiten behauptet wird? Der Islam regelt als ganzheitliche Lehre alle Bereiche des Lebens, und setzt auch für die Wirtschaft, national oder global den ethischen Rahmen für die zwischenmenschlichen Beziehungen und liefert die Grundsätze, nach denen sich politisches Handeln und ein Staatsaufbau orientieren sollte. Sogar nicht-muslimische Wissenschaftler geben den Muslimen (und vom Evangelium überzeugte Christen) Recht. So zum Beispiel der deutsche Mathematik-Professor Jürgen Kremer von der Fachhochschule Koblenz in Remagen. Er forscht besonders im Bereich Finanzmathematik und Modellierung. Durch ein mathematisches Modell konnte er nachweisen, dass das Zinssystem auf Dauer nicht funktionieren kann und zwangsläufig zur Krise führen muss, da es auf ein permanentes hohes Wachstum angewiesen ist und ausserdem zu immer stärkerer gesellschaftlicher Ungleichheit führt. Kremer spricht zudem von fundamentalen Fehlern in der gängigen Volkswirtschaftslehre. Ins gleiche Rohr bläst der in der Schweiz oft ausgelachte emeritierte Wirtschaftsprofessor Walter Wittmann. Als Konsequenz aus der schwelenden Finanzkrise fordert er eine umfassende Regulierung der Finanzindustrie. Insbesondere sollte die Kreditvergabe an Finanzinvestoren verboten werden. Der Wirtschaftsprofessor rechnet nicht damit, dass seine Vorschläge auf viel Gehör stossen. Wirtschaftsverbände wie economiesuisse seien gegen zusätzliche Regulierungen, Manager und Politiker äusserten sich ähnlich. Ohne neue Regulierungen ist für Wittmann aber «der Weg für den Aufbau der nächsten Finanzkrise frei.»

Zinsnahme, die Mutter aller ökonomischen Probleme
und keine Alternative?

Geld verdienen ist im Islam nicht verboten. Aber nicht mit verzinslichen Produkten, Derivaten oder Hedge Fonds. In ihrer Zinspolitik bleiben die europäischen Notenbanker unterdessen auf Kurs. Die EZB belässt angesichts der Schuldenkrise den Leitzins im Euro-Raum auf seinem Rekordtief von 1,0 Prozent. Der wichtigste Zins zur Versorgung der Banken im Euro-Raum mit Zentralbankgeld verharrt damit seit Mai 2009 auf diesem niedrigen Niveau. Ökonomen rechnen frühestens Ende 2011 mit einer Zinsänderung, obgleich die Inflation im Euro-Gebiet im Dezember 2010 über die wichtige Marke von 2,0 Prozent auf 2,2 Prozent geklettert war. Höhere Zinsen würden Kredite verteuern und könnten daher Gift für die Erholung der Konjunktur sein, also das Wachstum gefährden. Daher lieber ganze Staaten an die Chinesen verscherbeln? Juden, Christen und Muslime sollten ihre heiligen Texte zur Hand nehmen und die ethische Legitimität der Finanzjongleure – und die der Politiker, falls die überhaupt noch was zu sagen haben – hinterfragen. Für Aufsehen sorgte unlängst eine Veröffentlichung des ehemaligen deutschen Industrieboss Hans-Olaf Henkel. Unter dem Titel «Rettet unser Geld» kritisiert Henkel das Versagen der Politik. Er nennt es schlicht einen «Putsch». Die EU-Krise sei herbeigeputscht worden: Zuerst wurden Defizitverfahren nicht ernst genommen, die Maastricht-Kriterien aufgeweicht, «die Amigos aus Griechenland ins lecke Boot genommen und dann als vorläufiger Höhepunkt der europäische Schuldenrettungsschirm aufgespannt». Es sei einen Putsch gegen herrschendes Recht, einer Untreue gegen die Mitgliedstaaten und einem finanziellen Betrug europäischen Steuerzahler. Viele Europäer fragen sich nun mit dem Euro-Kritiker Henkel, welche politische Kraft noch übrig geblieben ist. Praktisch alle Parteien von links bis rechts sehen weder zum Euro noch zur Politik der Neuverschuldung eine Alternative. «Die neuen ‚rechten´ Parteien, so betont Abu Bakr Rieger, sind in Wirtschaftsfragen neoliberal und bündeln nebenbei den alten europäischen Rassismus gegen die Muslime. «Während die Notenpressen der Papiergeldfabriken heiss laufen, fragen sich immer mehr Bürger, was es wohl heissen wird, wenn ein System sich dauerhaft als alternativlos beschreibt.» Auch Abu Bakr Rieger weist darauf hin, dass es durchaus rationale Alternativen zum selbstmörderischen Finanzsystem gibt; nämlich das religiöse Erbe Europas. Die Religionen waren sich immerhin einige Jahrhunderte lang einig, dass die Zinsnahme, die Mutter aller ökonomischen Probleme, verboten ist. «Von der Politik als unaufgeklärt und rückständig verachtet, sind es neuerdings muslimische und christliche Denker, die diese andere Seite definieren». Angesichts der moralischen Folgen der Krise beansprucht dieser Dialog neue Relevanz. «Am Endpunkt der Wirkungsgeschichte der europäischen Philosophie bleibt uns nur der Blick ins ökonomische Chaos, der die alte politische Ordnung mitzureissen droht». Eine der wesentlichen Grundlagen für eine gerechte ökonomische Ordnung ist nach muslimischer Überlieferung ein rationaler und freiheitlicher Umgang mit dem Geld als Tauschmittel. Naturgemäss hätten bei freier Entfaltung über 1,5 Milliarden Muslime, mit ihrer traditionellen Gold- und Silberwährung, Dinar und Dirham, ein grosses Potenzial für eine andere Art von Währungsunion. Da der frühere Feind des Westens, der Atomwaffenbesitzer und die rote Fahne schwingende Volksrepublik mit der längsten Mauer der Welt plötzlich nur so mit Geld um sich streut und die halbe Welt mit Dollars versorgt, beziehungsweise «rettet», sind die Westler wohl komplett blind geworden. Geld regiert die Welt. Christen, Juden und Muslime sind sich aber grundsätzlich einig, dass es unterliegt als etwas Geschaffenes, wie auch der Rest der Schöpfung. Wenn Christen, Juden und Muslime sich auf diese gemeinsamen Werten konzentrieren würden statt sich gegenseitig zu bekämpfen, müssten wir uns nicht von den Chinesen aufkaufen lassen.

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