Bern, 22.03.2012

Vortrag_Winterthur_N_Blancho032012(ab) Unter diesem Titel fand an den letzten drei Wochenenden die schweizweite Vortragsserie als Teil  der umfassenderen Richtungsdebatte des Islamischen Zentralrats Schweiz statt. Ziel war es, der muslimischen Basis die Ideen und Ziele des IZRS näher zu bringen und ihnen eine Plattform zur Äusserung ihrer Wünsche, Anliegen und Kritik zu bieten. Als grösste islamische Basisorganisation der Schweiz achtet der IZRS peinlichst darauf, eine greifbare Organisation zu sein, die Muslimen auch die Gelegenheit bietet, sich mit dem Vorstand direkt auszutauschen. Keinesfalls soll an der Basis das Gefühl aufkommen, beim IZRS handle es sich um eine abgehobene, kaum erreichbare Elfenbeinturmelite.

Rund 600 Besucherinnen und Besucher konnten sich an den sechs Abenden in St. Gallen, Winterthur, Zürich, Basel, Aarau und Luzern über den IZRS informieren, ihre Kritik anbringen und sich Fragen beantworten lassen.

Einheit hat das Primat über Meinungsverschiedenheit

In der Vortragsserie drehte sich die Botschaft um einen zentralen Kern: die Notwendigkeit einer islamischen Einheit. Damit der Islam in der Schweiz durch den IZRS eine effiziente Vertretung erfährt, der diesen in den verschiedene Sphären der Öffentlichkeit repräsentieren, wahren und verwalten kann, ist eine starke islamische Einheit basierend auf der Form der Basisorganisation und dem gleich in der Folge erläuterten Minimalkonsens von dringender Notwendigkeit.

Infobox
Vortragsserie in deiner Region: Islamische Einheit & Muslime in der Schweiz

Bilder vom 2./3.März
Bilder vom 9.März
Bilder vom 10. März

Folien (PDF)

Eine solche islamische Basiseinheit kann nur auf Grund eines Minimalkonsenses, der islamischen Normativität, zu Stande kommen, fernab von einer Berufung auf ethnische, nationalistische und kulturelle Definitionsgrundlagen. Der Glaube an die sechs unbestrittenen Pfeiler des Glaubens und den Qur’an und die Sunna des Gesandten (saws) stellen die Grundsteine der islamischen Normativität beim Islamischen Zentralrat dar. Diesem Minimalkonsens kann jeder Muslim zustimmen, egal wie stark er oder sie praktiziert, bzw. welcher Schule man sich zugehörig fühlt.

Kein Wahrheitsanspruch

Dem Islamischen Zentralrat geht es nicht um die Ausformulierung eines innerislamischen Wahrheitsanspruches, wie oft falsch vermutet, sondern vielmehr um die Schaffung und Wahrung von Optionen und Korridoren, welche es Muslimen erlauben, ihre Religion in der Schweiz in dem von ihnen gewünschten Ausmass zu praktizieren. Der IZRS will also keine Urteile über verschiedene Interpretationen, verschiedene Rechtschulen und verschiedene Methodologien des innerkonfessionellen Religionsverständnisses fällen, sondern kümmert sich darum, die Option der Religionspraxis zu garantieren.

Idjtihad – autonome Lösungsfindung

Auf dem Weg dahin hält der IZRS an einer klar autonomen Haltung auch in Bezug auf die Findung von Lösungen für den Islam im hiesigen Kontext fest. In einer Ausrichtung nach bestimmten Klerikern oder Fatwa-Gremien im Ausland sieht er keinen Erfolg. Es kann für die Zukunft des Islams nur sinnvoll sein, wenn der Ijtihad (die selbstgefundene Entscheidung unter Zuhilfenahme tiefgründiger Kenntnis der normativen Quelltexte und der aktuellen Umstände) eine Wiederbelebung erfährt.

Die Rolle der Frau

In der islamischen Gemeinschaft sind die Frauen ein grundwichtiger Bestandteil. Der Islamische Zentralrat steht für eine proaktive Beteiligung der Frauen am Aufbau der islamischen Gemeinschaft ein, mehr noch, setzt dies auch oft gegen den Gradienten kulturell oder traditional bedingter Vorstellungen durch. Diese Überzeugung entspringt nicht etwa einem gesellschaftlichen Relativierungsdruck, sondern leitet sich aus der Vita des Propheten (saws) ab. Frauen nahmen in der Frühzeit des Islams ja nicht nur an Feldzügen oder Handelskarawanen teil, sondern traten auch als wichtigste Überlieferer der Prophetentradition (Sunna) auf. Durch beständige Sensibilierungsarbeit versucht der Islamische Zentralrat das Verständnis der Muslime vor dem besagten Hintergrund zu trainieren. Die Rolle der Frau in der islamischen Gemeinschaft soll nachhaltig zu ihren genuin islamischen Wurzeln zurückgeführt werden.

Interaktion mit der Gesamtgesellschaft

Nebst den schon existierenden Plattformen für den interreligiösen Dialog ist dem IZRS der Dialog mit der Gesamtgesellschaft sehr wichtig. Daher organisiert er in zehn verschiedenen Schweizer Städten Islam-Informationsstände. Dort wird allen Passanten die Möglichkeit geboten mit kompetenten Muslimen ins Gespräch zu kommen und ihre Anliegen, Bedenken und auch Vorurteile zu diskutieren.

Wahrnehmung des Islamischen Zentralrates in der Öffentlichkeit

Der IZRS ist sich seines negativen Images im Inland wohlbewusst. Es ist ihm klar, dass sein Image in direkter Abhängigkeit mit der Wahrnehmung des Islams steht und alleine schon aus diesem Grund in der aktuellen diskursiven Konfiguration kaum eine signifikante Besserung zu erreichen ist. Dennoch nutzt er die Öffentlichkeit nach Kräften, um Ängste und Vorurteile abzubauen. Er ist überzeugt, dass offene Kommunikation auf die lange Dauer mehr Vertrauen schafft, als Abschottung und Kommunikationsverweigerung.

«Falsches Bild»

Nach Abschluss der Vortragsserie gingen unerwartet viele positive Rückmeldungen ein. Nicht wenige muslimische und nicht-muslimische Zuhörinnen und Zuhörer äusserten ihr Unverständnis für das falsche, von Stereotypen durchzogene Image des IZRS in den Medien – eine offensichtliche Divergenz zwischen der «realen» und der durch die Medien produzierten Realität.

Im Laufe der Vortragserie konnte der IZRS 53 neue Passivmitglieder verzeichnen und viele Vorurteile abbauen. Die vielen fruchtbaren Inputs stärken den IZRS in seiner Überzeugung, dass er konzeptionell den richtigen Weg eingeschlagen hat. Einzig die Selbstorganisation in Verbindung mit der Einheit der Muslime ebnet den Weg, in eine selbstbestimmte, identitätsbewusste islamische Zukunft in der Schweiz.

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