Bern, 13.09.2010

Von Oscar A.M. Bergamin

Es gibt keine Ausländerfeindlichkeit mehr. Diese wird zurzeit durch einen bereits bestens integrierten, islamophoben Populismus ersetzt. Quer durch alle Parteien von links bis rechts basteln verschiedene Kreise, angeblich im Interesse des Volkes, an neuen Freund-Feind Unterscheidungen. Auffällig ist die überaus starke mediale Unterstützung für alle Positionen, die den Islam angreifen und Einzelfälle zum Normalfall erheben wollen. Die Gleichsetzung problematischer Muslime mit dem Islam an sich hat schon ein wenig Züge eines propagandistischen Feldzuges. Während seit Wochen die Thesen des illustren deutschen Bundesbankers Thilo Sarrazin Talkshows und Stammtische beherrschen findet diese Woche ein makaberes Jubiläum statt: Am Mittwoch (15. September) vor 75 Jahren wurden die verbrecherischen «Nürnberger Gesetze» erlassen. Laut Sarrazin sollen nun Migrantenfamilien aus islamischen Ländern Deutschland insgesamt immer dümmer machen. Aus dem gleichen Horn blies nun vor einigen Tagen auch Alain Pichard im «Blick». Bekannt geworden durch seine Attacken gegen den IZRS-Präsidenten Nicolas Blancho in der «Weltwoche», dem «Tages-Anzeiger» und dem «Magazin», hat der Bieler Realschullehrer Alain Pichard Gefallen gefunden an seinen Medienauftritten: «Muslime haben zu wenig Schulerfolg – wir dürfen diese Fakten nicht länger totschweigen.» Fakten dazu bring er keine – nur unerwähnte «Indizien und handfesten Auffälligkeiten» –, die muss der «Blick» (freilich ohne Quellenangabe) nachliefern. «Zunächst die nackten Zahlen: Von den aktuell 777‘394 schulpflichtigen Kindern sind 185‘127 Ausländer, also knapp ein Viertel», schreibt der «Blick» Verglichen mit dem OECD-Durchschnitt von 21,6 Lernenden pro Klasse liegt der Durchschnitt in der Schweiz um gut zwei Lernende tiefer. Die Mittelwerte dürften heute bei 19,3 Schüler im Primarbereich und 18,7 Schüler im Sekundarbereich liegen (OECD 2009). Hätten wir diese Migrantenkinder nicht, würden gemäss einer simplen Rechnung rund 9600 Lehrerinnen und Lehrer in der Schweiz – darunter sicher auch Alain Pichard – ohne Job dastehen.

Aber Pichard hat vorgesorgt: Um nicht in Vergessenheit zu geraten, hat er dem Boulevardmagazin «Blick» eine Mail geschrieben um seine Unmut kundzutun. Er hat ja schliesslich «noch immer eine genuine Lust an der Provokation, an der harten und direkten politischen Debatte»; ein Erbe seiner deutschen Mutter und linker jüdischer Vorfahren, wie er vermutet (Zitat: Das Magazin, 16.Juli 2010). Den Migrantenkindern gehe es ja noch gut behauptet Picard. Im Kanton Bern schaffen es 60 Prozent der Schülerinnen und Schüler in die Sekundarschule, das ist höheres Oberstufen-Niveau und das sei auch bei vielen Migrantengruppen so. «Betrachten wir aber die Nationalitäten, so fällt auf, dass nur 20 Prozent der Kinder aus muslimischen Ländern – Türkei, Albanien, Somalia, Kosovo, Bosnien – den Sprung in die Sekundarschule schaffen.»

Bildungsferne unter verschiedenen Migranten mag tatsächlich ein Problem sein, doch Sarrazins und Pichards Thesen wurden gerade kürzlich widerlegt: Bei gleicher Leistung und ähnlichem sozialem Hintergrund wechseln laut einer Untersuchung türkische Kinder häufiger auf die Sekundarschule oder das Gymnasium als deutsche Kinder. Der Bildungsanspruch in türkischen Familien sei höher als in deutschen, fand Jörg Dollmann vom Zentrum für Europäische Sozialforschung heraus. Dass türkischstämmige Kinder aber an Haupt- und Sonderschulen überrepräsentiert sind, führt das Zentrum unter anderem auf das Bildungsniveau und die sozioökonomische Situation der Eltern zurück. Und das Gleiche gilt für die Schweiz: Eine 2007 publizierte Studie der Hochschule für Soziale Arbeit Zürich befasst sich mit Jugendlichen aus dem Balkan. Daraus wird ersichtlich, dass die Jugendlichen keinen Konflikt mit der schweizerischen Kultur wahrnehmen. Zudem spreche im Vergleich zu den portugiesischen Jugendlichen 62 Prozent von Picards «muslimischen» Balkanjugendlichen die deutsche Sprache besser als ihre Muttersprache. «Die Arbeitsstellen, die die Väter dieser Kinder noch hatten, gibt es immer weniger. Die Hilfsarbeiten sind wegrationalisiert oder exportiert worden. Das Modell der Integration über die Arbeit und über die Eltern funktioniert also nicht mehr», schildern die Autoren der Studie die Situation der Jugendlichen aus dem Ausland. Pichard mag Recht haben, dass Bildungsferne unter Migranten tatsächlich oft ein Problem darstellt. Dass es sich jedoch mit der Religion – zumal noch mit dem Grad an Religiosität – in Verbindung bringen lässt, ist weder historisch noch soziologisch haltbar, was auch Beat Zemp, Zentralpräsident des Dachverbands Schweizer Lehrerinnen und Lehrer unterstreicht: «Ich glaube nicht, dass die Intelligenz nach Religionen verteilt ist.» Die nationale, ethnische Herkunft oder Religion und die Unterschiede in der Mentalität oder der Kultur spielen keine Rolle heisst es in der Studie der Hochschule für Soziale Arbeit Zürich. Die zahlreichen Diskriminierungserfahrungen aufgrund der Herkunft oder Religion, vor allem bei der Lehrstellensuche, dagegen schon. Also vielen Dank Herr Pichard! «Es ist Zeit, dass wir uns den unbequemen Wahrheiten stellen», sagen Sie? Dieser Meinung sind wir auch. Nur tun Sie Herr Pichard so als ob Sie das Problem alleine entdeckt hätten und blenden kurzerhand die Problemen der (nicht-muslimischen) Italiener, Spanier und Portugiesen und anderen Nationen aus.

Das Phänomen ist nicht neu: Die Jugend braucht nachhaltige und tragfähige Zukunftsperspektiven. Doch trotz ausgezeichneter Wirtschaftslage bleibt die Zahl Jugendlicher und junger Erwachsener in der Sozialhilfe hoch. Das hat aber mit der Religion nichts zu tun. Schon lange hat die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) in ihren «Anregungen zu einer integrierten Strategie zur Bekämpfung des Armutsrisikos bei jungen Erwachsenen» und das Basler Institut für Sozialforschung und Sozialplanung auf die Abstiegsprozesse Jugendlicher in den Zentren der Sozialhilfe hingewiesen (Studie «Young urban poor»). Das Wort Islam ist dabei nie gefallen weil es in der ganzen Problematik bewiesenermassen nie eine Rolle spielte – und heute nicht spielt. Herr Pichard scheint das ändern zu wollen. Er verknüpft wie zurzeit viele andere die Migration direkt mit dem Islam. Daher gibt es keine Ausländerfeindlichkeit mehr, sondern nur noch einen krankhaften Hass auf alles Islamische. Das sind die Fakten und keine «Indizien und handfesten Auffälligkeiten» Herr Pichard!

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