Saudische Frauen wollen auch Autofahren
Saudische Frauen wollen auch Autofahren

Diesen Samstag herrscht erhöhte Sicherheitsstufe in Saudiarabien. Sicherheitskräfte und die Religionspolizei sind in Alarmbereitschaft. Nein, dem Wüstenstaat droht keine Invasion. Ursache der Aufregung ist lediglich die saudische Frauengruppe Women2drive, die mit einem Aktionstag gegen das Fahrverbot für Frauen protestieren will.

Von Nora Illi

Saudiarabien ist das einzige Land, in dem Frauen das Autofahren verweigert wird. Das Verbot ist aber weder im Grundgesetz (Sharia-Law) noch in den Verkehrsregeln festgeschrieben. Es ist einzig untersagt, Frauen eine Fahrlizenz auszustellen. Trotzdem besitzen über 30% (State Departement Profile of Saudi Arabia) einen Führerschein, den sie während ihrer Studienzeit im Ausland erworben haben – die Fahrstunden meist vom Vater finanziert. Doch in Saudiarabien werden die ausländischen Dokumente nicht anerkannt.

Sinnlose Einschränkung der Bewegungsfreiheit

So müssen die weiblichen Einwohner weiterhin auf fremde Fahrer zurückgreifen, denn ein öffentliches Verkehrssystem existiert nicht.
Einerseits ist ein Fahrer mit hohen monatlichen Ausgaben verbunden und andererseits schränkt die Regelung die Selbständigkeit der Frauen ohne plausiblen Grund ein. Sie ist gezwungen, alle ihre beruflichen Meetings und sozialen Treffen mit ihrem Fahrer zu koordinieren.

Wenn nun, wie in den meisten Golfstaaten, die Wohnbereiche ausserhalb der Stadtzentren liegen, ist die Frau von ihrem Fahrer abhängig. Ebenso bei einem medizinischen Notfall. Was nun, wenn der Fahrer gerade in solch einem misslichen Moment in einem Stau feststeckt? Dies zeigt, dass ein solches Verbot nicht nur sinnlos die Bewegungsfreiheit der saudischen Frauen einschränkt, sondern auch ihre Gesundheit oder jene ihrer Familienmitglieder beeinträchtigen kann.

Option und keine Verpflichtung

Die Aktivistinnen wollen keine Frau zwingen, Auto zu fahren. Jedoch sollen die Frauen die Möglichkeit haben, sich selbständig fortzubewegen. So auch ihr Slogan: «Das Autofahren der Frau ist eine Option und keine Verpflichtung.»

Dieser Aktionstag ist ein neuer Anlauf der Gruppe um die Aktivistin Manal al-Sharif. Sie rief bereits 2011 die saudischen Frauen dazu auf, sich selbst hinters Steuer zu setzen und musste dafür mehrere Wochen hinter Gitter. Man muss nicht alle Ansichten al-Sharifs teilen. Aber in dieser Angelegenheit argumentiert sie schlüssig und verdient die volle Unterstützung ihrer Schwestern.

Keine islamische Grundlage

2011 war die Gruppe um al-Sharif noch neu und unbekannt. Dies hat sich gründlich geändert. Heute hat sie viele prominente Unterstützer. So auch Sheikh Ahmed ibn Baz, der Sohn des ehemaligen Grossmuftis Saudiarabiens. Dieser sagt, dass das Rechtsgutachten (Fatwa), auf welches sich die Befürworter des Verbots stützen, in den frühen 90er-Jahren erstellt wurde, als im nahe gelegenen Kuwait der Golfkrieg ausbrach und die politische Situation instabil war. Heute herrsche eine andere Situation und er könne keine islamische Grundlage für ein solches Verbot erkennen. Diese Meinung teilt auch der grosse Teil der Al Ash-Sheikh Familie, eine der wichtigsten Familien des Königreichs, aus deren Mitte auch der amtierende Mufti Abdel Azziz Al ash-Sheikh stammt.

Verzweifelte Suche nach Argumenten

So können auch die Verteidiger des diskriminierenden Fahrverbots keine Argumente vorweisen, die auf dem Islam basieren. Fast schon verzweifelt wirkt die lächerliche Behauptung von Sheikh Saleh al-Luhaidan, dass Autofahren die Fruchtbarkeit der Frau beeinträchtige.
Ein kurzer Blick auf die demografischen Verhältnisse in der Golfregion stellt diese These radikal in Frage. Demnach müssten die Geburtenraten anderer Golfstaaten massiv tiefer sein als die saudische. Jedoch das Gegenteil ist der Fall: In Kuwait, wo der Führerschein und ein Auto zur Grundausstattung fast jeder Frau zählen, liegt die Geburtenrate bei 2.32 Kinder in Saudiarabien lediglich bei 2.26 (CIA Factbook 2012).

Kulturelle Reminiszenz

Wenn also nicht einmal die Familie des Muftis eine Grundlage für ein Fahrverbot im Islam sieht, dann deutet dies doch schwer darauf hin, dass diese Einschränkung lediglich auf kulturellen Vorstellungen basiert. Man könnte sogar soweit gehen, dass ein solches Verbot im Widerspruch zum Islam steht, der den Frauen das Recht zugesteht, über sich und ihr Vermögen selbst zu bestimmen und sie auch auffordert, sich aktiv in die Gesellschaft miteinzubringen. Mit dieser massiven Einschränkung wird dies den saudischen Frauen erschwert, wenn nicht gar verunmöglicht.

Deshalb sollten heute alle Schwestern Manal al-Sharif und ihre Aktivistinnen Kraft und Durchhaltevermögen im Kampf gegen diese wohlverstanden unislamische Regelung wünschen, ganz ohne sich dabei westlich-modernen Ideen wie etwa dem Feminismus bedienen zu müssen.

Aktuellste Artikel