Bern, 27.01.2011

(qi) Der Zentralrat der Juden in Deutschland stellt sich gegen die Verwendung von Begriffen wie «Leitkultur» und «christlich-jüdische Tradition». «Von ‚Leitkultur‘ zur ‚Kulturdiktatur‘ ist es nur ein kleiner Schritt», sagte Zentralrats-Vizepräsident Salomon Korn der Online-Ausgabe der «Süddeutschen Zeitung». «Kulturen, die keine Einflüsse mehr von außen zulassen, erstarren.»

Korn nannte u.a. das Dritte Reich, die Sowjetunion und die DDR als Beispiele für eine solche Kulturstarre. Zudem kritisierte Korn jene Politiker, die von «christlich-jüdischen Wurzeln des Abendlandes» sprechen. Ihm scheine, als ob man die Juden in eine gemeinsame Front gegen die Muslime einbinden wolle, so der 67-jährige. In der Islam-Debatte verwenden vor allem deutsche Politiker beide Formulierungen immer wieder, um sich von Muslimen abzugrenzen. So ist z.B. im Grundsatzprogramm der Union (CDU/CSU) ein explizites Bekenntnis zur «Leitkultur» enthalten. In der Schweiz spielt der Leitkultur-Begriff bisher keine prominente Rolle. Dagegen sprechen immer mehr Politiker von einem wie auch immer gearteten «christlich-jüdischen Abendland», das sich angeblich durch kulturelle Differenz vom Islam und den Muslimen abhebe. Im gleichen Interview widersprach Korn auch den umstrittenen Thesen des ehemaligen Bundesbankers Thilo Sarrazin zur Erblichkeit von Intelligenz. Dessen Weltbild sei «stark vereinfacht – und damit auch gefährlich», mahnte Korn. Die Mehrheit der Migranten habe sich gut integriert.

Zum ersten Mal verglich der Zentralrats-Vizepräsident wenn auch indirekt die heutige Islamophobie mit dem Antisemitismus in der Vergangenheit. «Wer keine gefestigte Persönlichkeit besitzt, sucht Menschen, auf die er hinabschauen kann. Früher waren das vor allem die Juden», so Korn. Der Fall Sarazin zeige nun, dass heute ähnliche Mechanismen greifen: «Hier wir Deutsche, dort die Muslime.» Dies sei eine Abgrenzung vom «Fremden», durch die man die eigene Identität zu stärken versuche. Korns Interview steht in Zusammenhang mit dem Holocaust-Gedenktag von heute Donnerstag. Der Holocaust-Gedenktag wird jedes Jahr am 27. Januar begangen. Er erinnert an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945.

Quelle: Finanz-Nachrichten.de, Zentralrat der Juden warnt vor “Kulturdiktatur“ durch “Leitkultur“, 27.01.2011.

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