Bern, 12.11.2010

Von Abdel Azziz Qaasim Illi

Die Ankündigung des Beitrages über Kopten in Ägypten auf der Internetseite des Schweizer Fernesehens lässt bereits eine Zuspitzung bis hin zur offenbar beabsichtigten Verzerrung der aktuellen Situation im Land der Pharaonen vermuten. Demnach zeige ein «jüngster Anschlag der Al-Quaida gegen christliche Kopten in Ägypten», dass Christen «in vielen muslimischen Ländern ausgegrenzt» würden. Die Rundschau verspricht «erschütternde Bilder».

Es liegt mir fern Unterdrückung und Unrecht, wo auch immer es auftritt, gutzuheißen. In einer Überlieferung des Propheten Muhammad (alles Heil und Segen seien auf ihm) heisst es, dass Allah der Erhabene gesagt habe: „Wahrlich, Ich habe Mir selbst das Unrecht verboten, so seid auch ihr nicht unrecht untereinander“. Freilich wäre es ignorant, Spannungen zwischen Kopten und Muslimen in Ägypten klein reden zu wollen. Selbst der ägyptische Botschafter hat eingestanden, dass es an der Basis immer wieder zu Anfeindungen und Auseinandersetzungen kommt. Kein Wunder in einem Land, indem Wirtschaftskrisen nahezu chronisch wüten und eine kohärente Gesellschaft oder zumindest ein gesellschaftlicher Kern schlicht nicht existiert.

Der Rundschaubericht zeigt dies jedoch nur mangelhaft auf. Vielmehr geht der Produzent des Beitrages von der Annahme aus, dass Christen ihrer Religion wegen in allen muslimischen Ländern in irgendeiner Weise unterdrückt würden. Ägypten dient ihm nur als Modell, um seine Annahme mit quasi empirischer Evidenz zu untermauern.

Müllsammeln in Kairo kein Zwang, sondern wirtschaftlicher Segen

Die angeführten «erschütternden» Beispiele entpuppen sich bei näherer Betrachtung als dekontextualisert, verkürzt und nicht selten schlicht als falsch. Dem Zuschauer wird suggeriert, dass Christen in Kairo gezwungen seien, im und vom Müll zu leben. Als Beispiel wird auf Ezbat An-Nakhl, eine der sechs notorischen Armensiedlungen in der Hauptstadt am Nil verwiesen, deren rund 8000 Bewohner hauptsächlich vom Müllsammeln leben. Wie es jedoch dazu kam, dass das Müllsammelwesen in Kairo tatsächlich unter koptischer Kontrolle steht, wird nicht erläutert.

Anfang des 20. Jh. ereignete sich eine starke Landflucht aus oberägyptischen Dörfern nach Kairo. Arme, ungebildete, oft koptische Fellachen liessen sich an der Peripherie nieder und suchten im urbanen Milieu vergebens nach einem neuen Broterwerb. Die aussichtslose Situation auf dem Arbeitsmarkt zwang die zugewanderten Kopten und Muslime zur Annahme schlechtbezahlter Taglöhnerjobs. Just in diesem Kontext entdeckten koptische Neuankömmlinge eine noch weitestgehende unerschlossene Marktnische. Sie begannen gegen Gebühren den Müll zunächst im Quartier, später auch in anderen Stadtteilen einzusammeln. Daraus entwickelte sich rasch ein verhältnismässig lukratives Geschäft, welches zunehmend die Charakterzüge einer sich gegen alle möglichen Konkurrenten abschliessenden Zunft ausbildete. 1955 hatte sich ein eigentliches Müll-Kartell entwickelt, das nunmehr begann Hoheitsrechte über die Kairiner Zivilisationsabfälle zu beanspruchen. Wer sich zur Zunft Zugang verschaffen wollte, musste zunächst die nötigen «Müllsammlervorrechte» erwerben. Heute sind diese «berechtigten Müllsammler» unter dem unrühmlichen Begriff «Zabaliin» (Arab. Misthaufen) bekannt. Sie verdienen ihren Lebensunterhalt mit dem Sammeln, Trennen und Weiterverkauf von Abfällen aller Art. Mag diese Arbeit noch so bis zum Himmel stinken, so gilt sie dennoch als derart lukrativ, dass die zünftischen Vorrechte von ihren koptischen Inhabern bis auf den heutigen Tag hartnäckig verteidigt werden.

Dass koptische Ägypter keine Arbeit ihres Namens bzw. ihrer Religion wegen finden, scheint in Anbetracht der Tatsache, dass sie zwei Minister in der Regierung, diverse Offiziere in der Staatssicherheit und Armee sowie ein Heer von hohen Beamten stellen, völlig unbegründet. Auch der hierzulande nicht unbekannte Samih Sawiris ist Zeugnis, wie erfolgreich seine milliardenschwere koptische Familie in Ägypten Geschäften in allen Branchen nachgeht. Zumindest der Staat bemüht sich in dieser Frage eindeutig um Fairness. Im Vergleich: Die Schweiz rühmte sich in hohen Tönen als 2007 zum ersten Mal in ihrer Geschichte mit Ricardo Lumengo ein Schwarzer in den Nationalrat gewählt wurde. Wie lange es wohl noch gehen wird, bis ein erklärtermassen muslimischer Schweizer einen Sitz im Parlament, gar nicht zu träumen von einem in der Landesregierung, erklimmen wird, sei ein Jahr nach Annahme des diskriminierenden Minarettverbots lieber nicht Thema dieses Artikels.

Massenkeulung von Schweinen entsprach WHO-Empfehlungen

Wenn die Massenkeulung der Schweine in Ägypten a posteriori als Angriff auf ein christliches Gewerbe dargestellt wird, so sei doch wenigstens nochmals der Hintergrund, vor dem die Regierung zu dieser Entscheidung kam, in Erinnerung zu rufen. Am 29. April 2009 erhöhte die WHO die Alarmstufe für die Schweinegrippe Pandemie auf die zweithöchste Stufe (5). Darauf überschlugen sich die Nachrichten. Szenarien, die ein Ausmass in der Grössenordnung der  Spanischen Grippe in Aussicht stellten, wurden auch von Experten heraufbeschworen. Dazu kommt, dass Ägypten damals noch immer an den längst vergessenen Vorgängerviren der Vogelgrippe litt. Aufgrund der extrem engen Platzverhältnisse in den Armenvierteln leben Tiere meist dicht mit Menschen zusammen. Bis Anfang April 2009 hatte die Vogelgrippe in Ägypten bereits 61 Todesopfer gefordert. Die Regierung stand unter massivem Druck, in dieser Frage kein weiteres Risiko einzugehen. Sie entschied sich sofort nach der Erhöhung der Alarmstufe, alle Schweine in den Armenvierteln keulen zu lassen. Natürlich wissen wir heute, dass vermutlich keine Gefahr bestanden hätte. Damals wollte jedoch dafür niemand bürgen. Vor diesem chaotischen Hintergrund hatte die Regierung wohl vernünftig gehandelt.

Freilich wäre es wünschenswert, sie würde die betroffenen Viehhalter entsprechend ihren Versprechen entschädigen. Allerdings misst sie in dieser Frage nicht mit verschiedenen Ellen. Auch muslimische Geflügelzüchter warten bis heute auf eine im Zuge der Massnahmen gegen die Vogelgrippe versprochen Kompensation.

Zum Schluss sticht einem jeden Kenner des Lebensalltags armer Ägypter noch eine Kuriosität ins Auge. Die Mutter der achtjährigen Marina beklagt zu Recht den Mangel an guter Bildung. Gerade Marina und ihre Kameraden scheinen aber die glückliche Ausnahme zu sein, denn ein muslimisches Kind aus vergleichbaren sozialen Schichten geniesst kaum eine zweisprachige Ausbildung in Französisch und Arabisch.

Armut ist mit Sicherheit kein christliches Problem in Ägypten. Sowohl die Mehrheit der Kopten wie auch der Muslime leiden darunter. Es ist viel eher ein Merkmal des durchschnittlichen Ägypters. Der Bericht jedoch suggeriert, dass die christlichen Ägypter infolge struktureller Diskriminierung in besonderem Masse gezwungen seien, ein Leben in Armut zu führen. Dies steht freilich im Gegensatz zur Tatsache, dass sowohl in relativen wie absoluten Zahlen die grosse Mehrheit der Armen in Ägypten muslimischen Glaubens ist.

Beitrag lenkt von hausgemachter Diskriminierung ab

Mit seinem einseitigen Beitrag in der Rundschau setzt sich Pascal Schuhmacher dem Verdacht aus, durch Herbeireden einer angeblich strukturell bedingten Diskriminierung von Kopten in Ägypten, von der viel eindeutigeren Diskriminierung der Muslime hier in der Schweiz abzulenken. Die Liste der Missstände in der «ältesten Demokratie der Welt» ist nämlich lang und wächst beständig an:

• Diskriminierung in der Verfassung (Minarettverbot)
• Diskriminierung in den Gesetzen (Schächtverbot seit 1893, Polygamieverbot)
• Diskriminierungsversuche in Schulen (Kopftuchverbote, Zwang zu gemischt-geschlechtlichem Schwimmunterricht)
• Diskriminierung muslimischer Arbeitnehmer/Innen (Kopftuchverbote für Lehrerinnen an öffentlichen Schulen, Gebetsverbote am Arbeitsplatz, Intoleranz bei islamischen Feiertagen)
• Diskriminierung in Sportvereinen (Kopftuchverbot bei Probasket)
• Diskriminierung bei der Totenruhe (Muslimische Friedhöfe werden kaum bis nur sehr zaghaft von den Gemeinden bewilligt.)

Die Liste liesse sich vor allem dann ad libitum verlängern, wenn die alltäglichen sozialen Ablehnungshaltungen und Ausgrenzungserscheinungen im privaten Verkehr mit der zunehmend «islamkritischen» Mehrheitsbevölkerung noch in Erwägung gezogen würden.

Unrecht gegen religiöse Minderheiten im Ausland anzuprangen ist richtig und nötig. Es muss jedoch zunächst einmal ein solches, klares Unrecht vorliegen. Danach sollte man vor der eigenen Haustür schauen, wie es um die religiösen Minderheiten im Lande steht. Hier kann die Schweiz spätestens seit dem vergangenen 29. November leider keine glaubwürdige Vorzeigerolle mehr übernehmen.

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