icon menu icon close
Wenn das fremde Leben mit im Ehebett liegt
ico of date

18.09.2026

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (1 Stimmen)

Wenn das fremde Leben mit im Ehebett liegt

Dan Social Media sehen wir täglich, wie andere leben, lieben und glücklich zu sein scheinen. Und irgendwann beginnen wir, unser eigenes Leben und vielleicht sogar unsere eigene Ehe an diesen Bildern zu messen. Davor warnt der Islam deutlich.

Von Abdullah N. Blancho

Noch nie konnten wir so tief in das vermeintliche Leben anderer Menschen blicken wie heute.

Wir sehen ihre Reisen, ihre Wohnungen, ihre Körper, ihre Hochzeiten, ihre Kinder, ihre Geschenke und ihre Liebeserklärungen. Wir sehen Paare beim Frühstück am Meer, Überraschungen zum Hochzeitstag und scheinbar mühelose Beziehungen zwischen zwei attraktiven, erfolgreichen und stets gut gelaunten Menschen.

Und all das tragen wir in unserer Hosentasche.

Das Problem beginnt nicht erst dort, wo Social Media zur Sucht wird. Es beginnt viel früher: in dem Moment, in dem das Leben anderer unbemerkt zum Maßstab für das eigene wird.

Plötzlich erscheint der eigene Ehepartner weniger aufmerksam. Die eigene Wohnung kleiner. Der Alltag eintöniger. Die Ehe weniger romantisch. Das eigene Aussehen gewöhnlicher. Das Einkommen zu niedrig. Die Ferien zu unspektakulär.

Dabei vergleichen wir etwas sehr Reales mit etwas, das häufig sorgfältig ausgewählt, bearbeitet und inszeniert wurde.

Wir vergleichen unseren Alltag mit den Höhepunkten anderer Menschen.

Und dieser Vergleich ist fast immer unfair.

Eine Welt, die sich als Realität präsentiert

Social Media zeigt nicht zwingend eine falsche Welt. Aber es zeigt eine selektierte Welt.

Menschen veröffentlichen überwiegend das, was sie zeigen möchten. Niemand lädt gewöhnlich die zwanzig Minuten Schweigen nach einem Streit hoch. Niemand fotografiert den übervollen Wäschekorb neben der perfekt dekorierten Küche. Wir sehen das lachende Paar im Restaurant – nicht unbedingt die Spannungen auf der Heimfahrt.

Das wissen wir rational.

Emotional wirkt das Gesehene trotzdem.

Genau darin liegt eine besondere Herausforderung unserer Zeit. Früher verglich sich ein Mensch vielleicht mit einigen Familien im eigenen Umfeld. Heute können wir uns innerhalb weniger Minuten mit Hunderten Menschen vergleichen: schöner, wohlhabender, sportlicher, romantischer, erfolgreicher oder scheinbar religiöser als wir.

Die Psychologie spricht hier vom sozialen Vergleich. Aktuelle Forschung zeigt, dass insbesondere problematische Social-Media-Nutzung mit stärkerem sozialen Vergleich verbunden ist. Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2026, die 20 unabhängige Studien zusammenfasste, fand einen messbaren Zusammenhang zwischen problematischer Social-Media-Nutzung und sozialem Vergleich. Wichtig ist dabei die Differenzierung: Nicht jede Minute auf Instagram oder WhatsApp macht Menschen unglücklich. Entscheidend ist vielmehr, wie digitale Medien genutzt werden und was sie innerlich mit uns machen.

Auch Untersuchungen zum sogenannten „Partner-Phubbing“ – dem Ignorieren des Partners zugunsten des Smartphones – zeigen Zusammenhänge mit geringerer Beziehungs- und Ehezufriedenheit, weniger emotionaler Nähe und mehr Konflikten und Eifersucht. Eine Meta-Analyse fasste hierzu 52 Studien mit insgesamt fast 20.000 Teilnehmenden zusammen.

Das Smartphone nimmt also nicht nur Zeit in Anspruch.

Es beeinflusst unseren Blick.

Auf andere.

Auf uns selbst.

Und irgendwann vielleicht auch auf den Menschen, mit dem wir unser Leben teilen.

Die Omnipräsenz scheinbarer Möglichkeiten

Hinzu kommt eine zweite Besonderheit digitaler Plattformen: die scheinbare Unendlichkeit der Möglichkeiten.

Ein weiterer Lebensstil ist nur einen Swipe entfernt. Ein attraktiverer Mensch ebenfalls. Eine vermeintlich glücklichere Ehe. Ein höherer Lebensstandard. Eine aufregendere Karriere.

Das erzeugt leicht die Vorstellung: Es müsste doch noch etwas Besseres geben.

Gerade für Beziehungen kann diese Denkweise gefährlich werden.

Denn jede langfristige Ehe besteht zwangsläufig aus Gewöhnlichkeit. Aus Wiederholung. Verantwortung. Krankheit. Müdigkeit. Rechnungen. Kindern. Arbeit. Kompromissen und Phasen, in denen das Leben nicht besonders instagramtauglich aussieht.

Liebe beweist sich jedoch nicht nur in spektakulären Augenblicken.

Sie zeigt sich häufig gerade in den unspektakulären.

In Verlässlichkeit. Geduld. Loyalität. Nachsicht. Gemeinsamer Verantwortung. In einem Menschen, der bleibt, obwohl der Alltag gerade keine schönen Bilder produziert.

Wer jedoch täglich mit hundert scheinbar besseren Möglichkeiten konfrontiert wird, kann verlernen, den Wert dessen zu erkennen, was bereits vorhanden ist.

Eine überraschend aktuelle Warnung aus dem Qurʾān

Interessanterweise behandelt der Qurʾān genau diesen Mechanismus, lange bevor es Smartphones, Feeds oder Influencer gab.

In Sure an-Nisāʾ heißt es sinngemäß:

„Und begehrt nicht das, womit Allah die einen von euch vor den anderen ausgezeichnet hat.“
(Qurʾān 4:32)

Noch unmittelbarer wirkt eine Stelle aus Sure Ṭā-Hā:

„Und richte deine Augen nicht begehrlich auf das, was Wir einigen von ihnen als Schmuck des diesseitigen Lebens gegeben haben …“
(Qurʾān 20:131)

Das Bild ist bemerkenswert: Es geht um den Blick.

Nicht alles, was existiert, muss betrachtet werden. Nicht alles, was betrachtet werden kann, muss innerlich begehrt werden. Und nicht alles, was ein anderer besitzt, muss zur Bewertung des eigenen Lebens werden.

Gerade darin liegt eine erstaunliche Parallele zu unserer heutigen digitalen Umgebung.

Social Media fordert unseren Blick permanent heraus.

Schau hier.

Schau dort.

Sieh, was andere besitzen.

Sieh, wie andere leben.

Sieh, wie andere aussehen.

Sieh, wie glücklich andere angeblich sind.

Der Qurʾān richtet den Blick dagegen zurück auf das, was Bestand hat – und damit letztlich auch auf Dankbarkeit, Verantwortung und die eigene Lebenswirklichkeit.

Nicht ständig nach oben schauen

Auch in der Sunna findet sich ein sehr konkreter Umgang mit dem menschlichen Vergleichsdrang.

Der Prophet Muhammad ﷺ sagte sinngemäß, man solle in weltlichen Angelegenheiten auf diejenigen schauen, die weniger besitzen, und nicht ständig auf diejenigen, die mehr besitzen, weil dies eher davor schützt, die Gaben Allahs geringzuschätzen. Der Hadith ist in Sahih Muslim überliefert.

Diese Aussage bedeutet nicht, dass ein Mensch keine Ziele haben darf oder seine Lebensbedingungen nicht verbessern soll.

Sie schützt vielmehr vor einer bestimmten Form des Sehens: einem Blick, bei dem der Besitz des anderen den Wert des Eigenen verkleinert.

Genau dieser Mechanismus findet heute millionenfach auf Displays statt.

Die Wohnung war eigentlich schön – bis wir zehn luxuriösere gesehen haben.

Der Urlaub war erholsam – bis wir die Malediven-Reise eines anderen Paares sehen.

Der Ehepartner war liebevoll – bis ein Video auftaucht, in dem jemand seiner Frau tausend Rosen schenkt.

Unser Leben hat sich objektiv nicht verändert.

Nur der Vergleichsmaßstab hat sich verschoben.

Und damit verändert sich unser Gefühl.

Qanāʿa: Genügsamkeit ist nicht Stillstand

Eine wichtige islamische Gegenbewegung zu dieser Dynamik ist Qanāʿa – innere Genügsamkeit und Zufriedenheit mit dem, was Allah einem gegeben hat.

Das bedeutet nicht Passivität.

Ein Mensch darf seine Ehe verbessern wollen. Er darf berufliche Ziele verfolgen, Konflikte bearbeiten und nach persönlicher Entwicklung streben.

Qanāʿa bedeutet vielmehr, dass Entwicklung nicht aus permanenter Geringschätzung des Bestehenden entstehen muss.

Der Prophet ﷺ sagte:

„Reichtum besteht nicht im Besitz vieler Dinge. Wahrer Reichtum ist der Reichtum der Seele.“
(Sahih al-Bukhari 6446)

Vielleicht beschreibt kaum ein Satz die Herausforderung der Social-Media-Zeit besser.

Denn digitale Plattformen leben davon, uns immer wieder etwas Neues zu zeigen, das unsere Aufmerksamkeit verdient und möglicherweise unser Begehren weckt.

Noch ein Produkt.

Noch eine Reise.

Noch ein Körperideal.

Noch ein Lebensmodell.

Noch ein vermeintlich perfektes Paar.

Der innere Reichtum beginnt dort, wo nicht jede neue Möglichkeit automatisch einen Mangel erzeugt.

Wenn das Smartphone zwischen zwei Menschen liegt

Eine Ehe braucht Aufmerksamkeit.

Nicht ununterbrochen. Aber regelmäßig und ungeteilt.

Wenn zwei Menschen miteinander sprechen und einer ständig auf Nachrichten reagiert, entsteht eine subtile Botschaft: Etwas außerhalb dieses Raumes ist gerade wichtiger als du.

Einmal ist das bedeutungslos.

Hundertmal kann daraus Distanz entstehen.

Deshalb kann digitale Achtsamkeit etwas sehr Praktisches sein: das Telefon beim Essen außer Reichweite legen. Im Schlafzimmer nicht endlos scrollen. Benachrichtigungen deaktivieren. Bewusst Zeiten schaffen, in denen niemand von außen in die Beziehung hineinrufen kann.

Es geht nicht darum, Technik zum Feind zu erklären.

Es geht darum, ihr ihren Platz zu geben.

Nicht jede Nachricht braucht sofort eine Antwort. Nicht jedes Video muss gesehen werden. Nicht jeder Gedanke muss geteilt und nicht jeder fremde Lebensentwurf betrachtet werden.

Manchmal beginnt Beziehungsarbeit mit etwas so Einfachem wie einem umgedrehten Smartphone.

Die eigene Ehe wieder sehen lernen

Vielleicht liegt darin die eigentliche Herausforderung.

Wir müssen nicht lernen, weniger Leben anderer zu bewundern.

Wir müssen wieder lernen, das eigene Leben wahrzunehmen.

Den Menschen, der tatsächlich neben uns sitzt.

Seine guten Eigenschaften.

Seine Bemühungen.

Die gemeinsam überstandenen Schwierigkeiten.

Das Zuhause, das vielleicht nicht perfekt eingerichtet ist, aber Schutz bietet.

Die Mahlzeit, die nicht fotografiert wurde.

Das Gespräch, das niemand geliked hat.

Die Zuneigung, die keine Zuschauer hatte.

Social Media macht Sichtbarkeit zu einer Währung.

Doch die wertvollsten Bereiche einer Ehe sind häufig gerade jene, die niemand sieht.

Distanz schafft Klarheit

Wer merkt, dass Social Media regelmäßig Unzufriedenheit, Eifersucht, Misstrauen oder Streit in die Beziehung bringt, sollte das deshalb nicht vorschnell als belanglose „Handyfrage“ abtun.

Hinter dem Display können tiefere Themen sichtbar werden: mangelnde Wertschätzung, unerfüllte Bedürfnisse, Unsicherheit, Einsamkeit, alte Verletzungen oder fehlende Grenzen.

Manche Paare können solche Muster selbst unterbrechen. Bei anderen haben sie sich über Jahre verfestigt. Dann kann ein geschützter Rahmen hilfreich sein, in dem nicht danach gesucht wird, wer „schuld“ ist, sondern verstanden wird, was zwischen zwei Menschen verloren gegangen ist und wie Nähe wieder entstehen kann.

Das Ziel ist nicht eine Ehe ohne Konflikte.

Und auch kein Leben ohne Smartphone.

Es geht um eine Beziehung, in der das Digitale wieder Werkzeug ist – und nicht heimlicher Maßstab für Glück.

Der Qurʾān erinnert uns daran, unseren Blick nicht ständig auf das zu richten, was anderen gegeben wurde.

Vielleicht ist das heute nicht nur eine spirituelle Haltung.

Vielleicht ist es auch eine Form moderner Beziehungsfürsorge.

Wenn Gespräche allein nicht mehr weiterführen

Nicht jede Belastung in einer Ehe lässt sich allein lösen. Manchmal braucht es einen geschützten Rahmen, eine neutrale Perspektive und jemanden, der dabei hilft, festgefahrene Muster zu erkennen und Gespräche wieder möglich zu machen.

Der IZR begleitet Einzelpersonen und Paare in unterschiedlichen Lebenssituationen – vor der Ehe, in belastenden Ehephasen oder bei konkreten Konflikten. Zum Angebot gehören unter anderem Ehe- und Paarberatung, Einzelberatung, Ehevorbereitung sowie Mediation bei Konflikten.

Dabei geht es nicht darum, vorschnell über eine Beziehung zu urteilen, sondern darum, Klarheit zu schaffen, gegenseitiges Verständnis zu fördern und tragfähige nächste Schritte zu entwickeln – auf Grundlage islamischer Werte und mit Blick auf die konkrete Lebensrealität des Paares.

Wer merkt, dass sich Konflikte wiederholen, Vertrauen verloren geht oder wichtige Fragen vor einer Ehe noch ungeklärt sind, muss damit nicht allein bleiben.


SCHLÜSSELWÖRTER

Ehe Social Media

ÄHNLICHE ARTIKEL


AKTUELLSTE ARTIKEL

icon of arrow relative

Wenn das fremde Leben mit im Ehebett liegt

icon of arrow relative

Das Kopftuchverbot ist verfassungswidrig!

icon of arrow relative

Saudi-Arabien verschärft Visa-Regeln: Schweizer C-Ausweis reicht nicht mehr für das E-Visum

icon of arrow relative

Zürcher Kopftuchverbot nimmt nächste Hürde – Jetzt handeln!

icon of arrow relative

Komm mit uns auf Umrah, lass Veränderung in deinem Leben zu!