Denis Cuspert ist der bekannteste IS-Kämpfer aus Deutschland
Denis Cuspert ist der bekannteste IS-Kämpfer aus Deutschland

Der französische Islamwissenschaftler Oliver Roy spricht den modernen Jihad-Bewegungen jede Verankerung in der islamischen Tradition ab. Jene widersprechen jedoch vehement, indem sie eine andere Deutung von Tradition postulieren. Alles eine Frage der Perspektive? Ein Kurzkommentar zu Daniel Binswangers Interview mit Oliver Roy im «Magazin».

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Der Schreibfluss Roys ist sehr packend, umso enttäuschender, dass er seine Gedanken nicht als Essay im «Magazin» publizieren konnte. Die Fragen Daniel Binswangers schliessen oft nicht an Roys abrupt endende Gedankengänge an, auch dann nicht, wenn sich beim Leser weitere Fragen aufdrängen. Dies mag daran liegen, dass Binswanger selbst wenig Ahnung von der Materie hat.

Roy kann man natürlich nicht absprechen, dass er als ausgewiesener, langjährig forschender Wissenschaftler ein Auge für Details hat, was man bei vielen «Islam-Experten» vermisst. So hat er aus meiner Sicht richtigerweise darauf hingewiesen, dass Al-Qaida und der IS sich auffällig hinsichtlich dem Bildungsniveau ihrer westlichen Rekruten unterscheiden. Während Al-Qaida über eine in die 1980er Jahre zurückgehende Geschichte verfügt, muss der Islamische Staat (IS) seine territoriale Funktionsfähigkeit erst noch unter Beweis stellen. Al-Qaida zugerechnete Kaderleute des Jihads wie etwa Abu Musbab as-Suri hatten nach dem Fall Afghanistans stets vor den Gefahren einer verfrühten Territorialität gewarnt. Nicht nur die Geschichte, sondern auch der Umfang an Literatur und Theorie, an stabilen Prinzipien und berechenbaren Strategien macht al-Qaida für akademischer veranlagtere Jihad-Rekruten in vielen Fällen attraktiver.

Roys Analyse geht aber spätestens in dem Moment fehl, wo er den Jihad-Bewegungen die traditionale Verankerung abspricht und ihre Rekruten mit den 68er Systemaussteigern parallelisiert. Mag sein, dass es einzelne solche Fälle gibt, mag sogar sein, dass einer ausschliesslich wegen seiner erbitterten Systemaversion die Islam-Konversion als Mittel zum Zweck für den Beitritt zu einer militarisierten islamischen Bewegung wählt. Dies aber sind angesichts des gesamten Phänomens sicherlich nicht mehr als statistische Ausreisser und mit den aktuell tiefen praktischen Hürden eines IS-Anschlusses zu erklären.

Roy verkennt aber in fataler Weise, dass islamische Bewegungen durchaus eine traditionale Fundierung reklamieren. Er gesteht die Fehlerhaftigkeit seiner dogmatisch anmutenden These gewissermassen ein, wenn er die ethische Neukodierung der Lebenswirklichkeit eines re- oder konvertierten Muslims beschreibt, wobei er darauf verzichtet, die normativ-islamische Verankerung dieser ethischen Codes zu erwähnen. Dem ungeschulten Leser bleibt somit verborgen, dass jene Neukodierung direkt an die Tradition des Propheten (saws) und seiner Gefährten (rAa) anschliesst, wobei selbst dieser Rückbezug nicht völlig frei von intermediären Theorien islamischer Gelehrter wie etwa jener Ibn Taymiyyas (rhA) gedacht werden darf. Von einem Antitraditionalismus moderner islamischer Bewegungen kann allenfalls insofern gesprochen werden, als unter Tradition vor allem ethnisch-kulturell bedingte Verhaltenskodizes gemeint sind. Dann jedoch wäre es vermessen, von der Ablehnung einer «islamischen» Tradition auszugehen. Tatsächlich setzten sich in der islamischen Geschichte immer wieder Bewegungen durch, welche kulturell gewachsenen Praktiken als animonische Phänomene ablehnten. Beispielhaft wären etwa die Almohaden des 12./13. Jh. Sie bekämpften u.a. die durch ein Netzwerk radikaler Sufis verankerte Volkskultur der Heiligenverehrung, welche in der Tradition des offenbarten Islams keinerlei Basis geniesst und weder zu Lebzeiten des Propheten (saws) noch unter den vier Kalifen Abu Bakr, ‚Umar, ‚Uthman oder ‚Ali nachgewiesen werden kann.

Wenn sich heute muslimische Secondos gegen die «Tradition» ihrer Eltern auflehnen, so richtet sich ihre Kritik nicht gegen den islamischen Gehalt jener, sondern gegen den aus normativer Sicht animonischen, also etwa kulturelle Praktiken, die mit der Shari’a in Konflikt treten. Damit können sie aber Anschluss an die qur’anische Tradition reklamieren, denn nicht nur Muhammad (saws), sondern alle näher beschriebenen Propheten und Gesandten hatten den Bruch mit der Tradition ihres sozialen Kontextes (Stammeskultur, Gesellschaftsordnung, Familie) vollzogen, welche von der göttlich gesetzten Ordnung divergiert war. Eines von unzähligen solchen Beispielen ist die Auseinandersetzung Ibrahims (as) mit seiner polytheistischen Gesellschaft und insbesondere auch seinem eigenen Vater. Der Topos, dem zu folgen, was herab gesandt wurde anstatt dem, dessen die Väter und Vorfahren folgten, zieht sich wie ein roter Faden durch den Qur’an:

«Und ebenso sandten Wir keinen Warner vor dir in irgendeine Stadt, ohne daß die Reichen darin gesagt hätten: „Wir fanden unsere Väter auf einem Weg, und wir treten in ihre Fußstapfen.“ (Ihr Warner) sagte: „Wie? Auch wenn ich euch eine bessere Führung bringe als die, welche ihr eure Väter befolgen saht?“ Sie sagten: „Wir leugnen das, womit ihr gesandt worden seid.“ Also vergalten Wir es ihnen. Siehe nun, wie das Ende der Leugner war!» [HQ 43,23-25]

Roy verkennt folglich, dass die von ihm diskutierte Loslösung vom Traditionalen gegebener sozialer Strukturen (Eltern, Kultur) seinerseits auf die islamische Tradition rekurriert. Gerade im Zusammenhang mit der Befreiung des Individuums von weltlichen Zwängen, welche nicht durch die Shari’a sanktioniert sind, wiederholt sich dieser anti-traditionalistische Topos noch einmal deutlich in der Sura at-Tawba:

«O ihr, die ihr glaubt, nehmt nicht eure Väter und eure Brüder zu Beschützern, wenn sie den Unglauben dem Glauben vorziehen. Und diejenigen von euch, die sie zu Beschützern nehmen – das sind die Ungerechten. Sprich: Wenn eure Väter und eure Söhne und eure Brüder und eure Frauen und eure Verwandten und das Vermögen, das ihr euch erworben habt, und der Handel, dessen Niedergang ihr fürchtet, und die Wohnstätten, die ihr liebt, euch lieber sind als Allah und Sein Gesandter und der Jihad für Seine Sache, dann wartet, bis Allah mit Seiner Entscheidung kommt; und Allah weist den Ungehorsamen nicht den Weg.» [HQ 9,23-24]

Der Versuch, den modernen Jihad von der islamischen Tradition zu entkoppeln, mag zwar gut gemeint sein, misslingt jedoch auch Roy letztlich, weil seine Methode – wie dies für die westliche Islamwissenschaft kennzeichnend ist – stark in materialistischen Kategorien verhaftet bleibt. Der Vergleich mit der marxistischen RAF ist gewissermassen Sinnbild dieses Scheiterns. Freilich findet man auf der taktischen Ebene bei allen militanten Bewegungen Parallelen und jedes in weiter Ferne verortete Ziel steht im Verdacht nicht über den Status einer Utopie hinauszuwachsen. Wer daraus voreilig eine systemische Gleichartigkeit ableitet, wird dem Phänomen in seiner eigenständigen Komplexität nicht gerecht.

Mein vorerst letzter Kritikpunkt betrifft den sicher durch das Interesse der hiesigen Leserschaft gewählten Fokus auf IS-Rekruten aus westlichen Kontexten.

Auch hier erscheint viel des Gesagten nicht abwegig. Allerdings verpasst es Roy, darauf hinzuweisen, dass weder al-Qaida noch der IS von Personen mit besonderem Bezug zum Westen gegründet und geführt werden. Ausserdem könnte man bei der Lektüre des Interviews meinen, dass die paar tausend westlichen Rekruten, die sich in den vergangenen Jahren dazu gesellt haben, konstituierend für die Organisationen wären. Dabei geht völlig vergessen, dass sowohl al-Qaida wie auch der IS primär arabisch geprägte und geführte Phänomene sind. Die überwältigende Mehrzahl ihres Personals ist zudem lokal verankert, sei es nun in Syrien, dem Irak, in Libyen oder im Jemen. Der grösste Teil der Ausländer sind Araber und Tschetschenen und erst weit hinten kommen die paar tausend westlichen Rekruten ins Spiel. Bis heute haben nur wenig aus dem Westen stammende IS-Kaderleute von sich Reden gemacht. Die Verknüpfung der angewandten IS-Taktiken mit der säkularen Gewalterfahrung in den französischen Banlieues lässt sich vor diesem Hintergrund kaum verallgemeinern, kann wenn überhaupt höchstens im Einzelfall von tragender Bedeutung sein. Die Frage, warum sich ein allen Formen der Sündhaftigkeit frönender französischer Gangster aus Marseille einem frommen Lebenswandel im syrischen Kriegsgebiet verpflichtet, kann doch nicht alleine mit der Gewalt-Faszination erklärt werden. Gewalt hatte er ja auch in seinem Gangsterleben in Frankreich geübt.

Und so geht das Ringen um den Versuch das Phänomen zu verstehen weiter. Man wird allerdings dabei den Verdacht nicht los, dass ein Verstehen von innerhalb der westlich-modernen Systemgrenzen aus nicht so recht gelingen will, weil epistemische Tabu-Schranken jeder transzendental ausgerichteten Logik, die jenseits der eigenen Systemgrenzen zu liegen kommt, die Existenzberechtigung verweigern.

-> Hier geht es zum Interview mit Oliver Roy im «Magazin» des «Tagesanzeigers» vom 21.03.2015.

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