Herze aus Pergament: «Valentinus» Vermächtnis?
Herze aus Pergament: «Valentinus» Vermächtnis?

Am 14. Februar wird in vielen nicht-muslimischen Kontexten auf vielfältige Weise Valentinstag gefeiert. Einige Muslime haben in der Vergangenheit aber auch damit begonnen, dieses frühchristliche Gedenken an den Märtyrer «Valentinus» nachzuahmen.

Von Abdel Azziz Qaasim Illi und Nicolas Blancho

Man sagte ihm wundersame Heilkräfte und charakterliche Grösse nach. Noch in Gefangenschaft soll er Julia, die Tochter seines Wärters Asterius, von ihrer Blindheit erlöst haben, bevor er seinen Henkern zugeführt wurde. Die Rede ist vom historisch nicht ganz lupenrein nachweisbaren «Heiligen Valentinus», der im Jahr 270 n.Chr. in der Nähe von Rom verfolgten Christen Hilfeleistungen zukommen lassen haben soll. Unter anderem habe er insgeheim gegen das geltende römische Recht dienstleistende Soldaten christlich verheiratet, wofür er unter Kaiser Claudius II. verhaftet worden sei. Der römische Imperator soll der Legende nach die Verhöre persönlich geführt und versucht haben, ihn zu bewegen, dem christlichen Glauben abzuschwören und zum römischen Götzendienst zurückzukehren. Dies habe «Valentinus» standhaft abgelehnt, worauf er hingerichtet worden sei. Am Abend vor seinem Tod habe er Julia noch eine «Valentins-Karte» geschrieben, die er mit dem bis heute gebräuchlichen Ausdruck «dein Valentin» unterzeichnet haben soll. Auch hinsichtlich der heute omnipräsenten roten Herzen gibt es der Legende nach eine Verbindung zum «Heiligen Valentinus». Solche soll er nämlich jeweils aus Pergament ausgeschnitten und den frisch verheirateten Paaren zum Andenken übergeben haben.

Zum Gedenken an den Märtyrer führte die alte Kirche später den 14. Februar als «Valentinstag» in den römischen Generalkalender ein und zwar als liturgische (gottesdienstliche) Feier. Bei den Anglikanern und den Lutheranern wurde daraus gar ein Fastentag, der bis heute Gültigkeit beansprucht. Die katholische Kirche strich den Feiertag hingegen 1969 mit Verweis auf fehlende historische Evidenz aus ihrem Generalkalender.

Nun stellt man sich natürlich schon die Frage, weshalb ein Brauch, der unzweifelhaft auf einer christlichen Legende beruht und gar die Eigenschaft eines liturgischen Feiertags angenommen hat, von einigen Muslimen unreflektiert übernommen wird.

Manch einer oder eine mag einwenden, es gehe ja heute gar nicht mehr um das Christliche an sich, sondern um die Liebe. Doch gerade die damit verbundene Art der Liebe ist noch weit unislamischer als das christliche Gedenken an ein legendäres Märtyrertum. Bereits 1383 pervertierte der englischen Schriftsteller Geoffrey Chaucer die Idee des christlichen Märtyrer-Gedenktages in einem am Hof König Richards II. vorgetragenen Gedicht zu einer an die griechische Antike erinnernde Götter-Saga: Darin geht es um Vögel, die sich zum Valentinstag um die «Göttin Natur» versammeln, damit ein jeder einen Partner finde.

Die heutigen Zeitgenossen interessieren sich zugegebenermassen weniger für griechischen Götterkult und christliche Liturgien. Dafür wird der Valentinstag in den USA und anderen westlichen Ländern mit allerlei ausschweifende Partys gefeiert.

Wer nach diesen Ausführungen immer noch meint, dem Valentinstag in welcher Art und Weise auch immer Tribut zollen zu müssen, den wird aller Voraussicht nach auch die Tatsache nicht mehr beeindrucken, dass uns der Prophet Muhammad (sas) das Feiern oder Gedenken nicht-islamischer Bräuche in aller Deutlichkeit untersagt hat:

Anas (ra) berichtet: Wenn der Prophet (sas) nach Medina kam, hatten sie dort ein zweitägiges Fest an welchem spielten. Er fragte: «Für was sind diese zwei Tage?» Sie sagten ihm: «Wir spielten an diesen Tagen in der Zeit vor dem Islam (Jaahiliyyah).» Der Prophet (sas) sagte: «Allah (t) gab euch anstatt dieser zwei Tage etwas viel Besseres: Den Tag von al Adha und den Tag von al-Fitr.»
(Abu Dawood 1134 – Sahih)

Eine Frage der Identität

Letztlich ist es aber auch eine Frage der eigenen Identität. Hält unsere islamische Lebensordnung nicht genügend Momente für Feierlichkeiten bereit? Hat uns der Prophet (sas) nicht befohlen, unsere Ehefrauen jeden Tag zu ehren und ihnen in Liebe und Barmherzigkeit zu begegnen? Hat Allah (swt) uns den Din nicht vollständig überliefert?

«Heute habe ich euch euren Din vervollständigt (so dass nichts mehr daran fehlt) und meine Gnade an euch vollendet, und ich bin damit zufrieden, dass ihr den Islam als Din habt.» Sure 5, 3.

Erstaunlich ist ja, dass es vor allem unter uns Muslimen immer wieder welche gibt, die einfallslos und blind westliche Bräuche nachahmen, ohne die damit verbundene desintegrative Wirkung für ihre persönliche und die gemeinschaftliche Identität zu bedenken. Jene sind es, die sich dann wundern über das fehlende Selbstbewusstsein in den eigenen Reihen. Sie empören sich darüber, dass ihre Kinder die Relativierung der eigenen Norm und Moral zu Gunsten westlicher Konzepte in aller Konsequenz zu Ende denken und sich Freunde bzw. Freundinnen nehmen, Partys besuchen und dem Alkoholkonsum frönen. Wundern tut gut, sagt man. Einen Blick auf die andere Seite aber zeigt, dass kein Nicht-Muslim beispielswiese das Opferfest feiert oder fieberhaft der Nacht der Bestimmung (lailat ul qadr) nacheifert. Sie scheinen es anders als unsere Geschwister nicht nötig zu haben, fremde Bräuche in ihr sozio-kulturelles Setting zu importieren. Das sollte uns zumindest nachdenklich stimmen.

 

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