Olten/Bern, 09.06.2010

Von Belqis

Man stelle sich vor, man sitze gemütlich mit zehn Menschen an einem Tisch und darunter befindet sich ein Arzt. Es wird über viele Themen philosophiert und wenn man zu einem ärztlichen oder gesundheitlichen Belangen kommt, sind alle still und übergeben das Wort dem Arzt. Wieso? Weil er von allen am meisten dazu berechtigt ist. Bei Themen, die den Islam betreffen, sind alle Experten.

In der vorherrschenden Debatte um das Kopftuch und die „Burka“ oder um den Islam allgemein nimmt sich jeder und jede das Recht, sich zu äussern. Wieso eigentlich? Ist jeder dazu berechtigt? In solchen Fällen scheinen alle von dem geringen Wissen, das sie haben, überzeugt zu sein und verspüren somit den Drang, es in die Welt zu setzen. Dies beobachtet man leider in den vielen Debatten, sei es im Fernsehen, im Radio, auf der Strasse, im Bus oder in den Pausen.

Die Vorarbeit zur Meinungsbildung erfolgte bei den meisten durch die Medien: durch die regionale Zeitung, 20Minuten oder Blick. Es herrscht das blinde Vertrauen in den Zeitungsartikel und man geht davon aus, die Reporter seien Experten und hätten in allen Fällen sauber recherchiert. Der Durchschnitt der Menschen meint zu wissen, bei Ereignissen ist alles schwarz und weiss, wie im Artikel beschrieben. Dem ist nicht so. Vielmehr ist es vielfarbig und zur Aufklärung solcher Themen bedarf es viel Arbeit und kostbarer Zeit. Als Resultat wird ein verzerrtes Bild in den Köpfen nach dem Motto zementiert: „Erzähle die Lüge so oft, bis sie als Wahrheit angenommen wird.“

Als Muslimin, die dazu noch ein Kopftuch trägt und geringes Wissen über den Islam besitzt, aber sicherlich mehr als der Durchschnitt der Menschen, ist das Beobachten dieser Situation tagtäglich ärgerlich. Innerlich frage ich mich dann schon, warum ich nichts dazu sage. Bin nicht ich die Ärztin in dieser Runde und vermag nicht ich das Belangen um das Kopftuch am besten zu erklären? Bis jetzt hielt ich mich raus und wartete auf Fragen, um diese dann zu beantworten. Die häufigste Antwort ist kurz und einfach: „Nein, ich mache es freiwillig“, selbstverständlich auf die Frage, ob ich das Kopftuch unter Zwang trage. In dieser Situation gehen in meinem Kopf tausende Gedankenfenster bezüglich des Fragenden auf. Meistens kritische, die was mit der Logik der fragenden Person zu tun haben.

Meine goldene Antwort, die nicht nur glänzt, ist meines Erachtens die treffendste. Sie ergibt sich aber nur, wenn man das Ganze und von oben schaut. Der Ursprung jedes Ver- und Gebotes im Islam ist Allah der Erhabene, der allmächtige Gott, nicht der Mann, die Familie oder ein tyrannischer Herrscher. Das Kopftuch trägt die Muslima, weil es ihr Gott auferlegt hat. Die Belohnung dafür erhält sie aber nur, wenn sie es in seinem Namen trägt. Weiter hat es mit der Scham zu tun, die im Islam einen hohen Rang hat – auch das hohe Ansehen des menschlichen Körpers im Islam, den es für Mann und Frau zu bedecken gilt. Doch soweit sollte ich mit der Erklärung gar nicht gehen, denn dies geht schon zu weit in die religiöse Sicht der Dinge. Man kann sich dies als Nichtmuslim ja nur schwer vorstellen, da man dieser Religion nicht angehört. Daher sollte man das Wesen des Islams und die damit verbunden Ansichten und Gebote nicht nachvollziehen, sondern vielmehr akzeptieren können. Ob dies sinnvoll ist, über die Vor- und Nachteile des Kopftuches, der „Burka“ kann man noch jahrelang diskutieren.

Als Muslimin verlange ich nicht, dass meine Religion und die damit zusammenhängenden Normen als richtig angesehen werden, noch will ich sie jemandem aufzwingen. Ich verlange  lediglich, dass sie akzeptiert werden.

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